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Sie glauben an die Kraft der Kunst: Nina Engel und Luzius Engel wollen, dass die Grosse Halle ein Freiraum für alle bleibt.© ZVG
Grosse Halle der Reitschule, Bern

Zwei Engel für mehr Freiraum

Nina Engel (40) und Luzius Engel (42) leiten gemeinsam die Grosse Halle der Reitschule. Ein Boxkampf, eine Rollschuhdisco oder ein Zirkus – nichts ist hier unmöglich.
Menschen in mit Farben beschmierten Schutzanzügen erzeugen bizarre Töne mit den unterschiedlichsten Instrumenten. Nein, es handelt sich nicht um einen Einsatz gegen Corona, sondern um eine Probe in der Grossen Halle der Reitschule. Der Komponist und HKB-Student Christian Spitzenstätter schöpft aus dem Vollen und inszeniert hier seine Masterarbeit – ein offensichtlich aufwendiges Spektakel.

Nina und Luzius Engel, seit 2018 für Leitung und Programm verantwortlich, können durch das Fenster ihres Büros in die Grosse Halle schauen. Verwandt oder verheiratet sind sie nicht, sagen die beiden mit dem gleichen Nachnamen, «aber verschwägert». Die beiden kennen sich schon lange. Sie mag an ihm «seine Offenheit», er wiederum schätzt an seiner Kollegin «das politische Denken und ihre Fähigkeit, alles zu hinterfragen».

Nina Engel hat Theaterwissenschaften an der Universität Bern studiert und als Produktionsleiterin für verschiedene Theatergruppen ge­arbeitet, während Luzius Engel als Theaterpädagoge in der Vermittlung und als Tänzer, Schauspieler und Regisseur tätig war.

Multifunktionalität

Bei ihrem Amtsantritt stiessen sie gleich auf Widerstand. Das Kollektiv «Die Wohlstandsverwahrlosten» besetzte die Grosse Halle und brachte ihre Angst, die Halle könnte kommerzialisiert und «zu professionell» werden, zum Ausdruck. Frisch im Amt als Leitungsteam reagierten die beiden mit Verständnis statt mit Ablehnung und liessen sich von den jungen Aktivisten inspirieren. «Es ist uns sehr wichtig, dass die Grosse Halle ein Freiraum bleibt, zu dem alle Zugang haben», so Luzius Engel. «Bei uns ist nicht alles so streng kuratiert wie anderswo», fügt Nina Engel an. Der Druck, ein möglichst profiliertes Programm zu haben, bestehe hier weniger. Beide sind begeistert von der Multifunktionalität des Raumes.

Vom Boxkampf über die Rollschuhdisco bis zum Symphonie­orchester sei hier alles möglich. Auch zeitgenössischer Tanz findet regelmässig statt. Letzte Woche etwa stand das Projekt «High Risk Body» des Choreografen Marcel Leemann auf dem Programm. Der Raum habe aufgrund seiner Grösse viel Potenzial für diese Kunstform.

Belebter Dorfplatz

Der Betrieb der Grossen Halle wird von einem achtköpfigen Team in Gang gehalten, das die technische Unterstützung und den Barbetrieb gewährleistet. Regelmässig finden der Flohmarkt und die «kleine Disco» statt. Während dieses Anlasses fühle man sich in der Grossen Halle ein wenig verloren, erklärt Nina Engel, «oder geborgen», ergänzt Luzius Engel. Der Vater von drei Kindern kam als Jugendlicher in die Grosse Halle zum Skaten. «Damals gab es hier eine Halfpipe.» Den viel ­kritisierten Vorplatz der Reitschule vergleicht er mit einem «be­lebten Dorfplatz», auf dem sich manchmal bis zu 1000 Menschen friedlich treffen.
Auch Nina Engel fühlt sich eng mit der Reitschule verbunden. «Wenn du in Bern aufwächst, kommst du nicht da­rum herum.» Es sei aber auch klar, dass jeder eine Meinung habe zu einem so in der Öffentlichkeit stehenden Ort. Beide glauben an die Kraft der Kunst, die immer irgendwie politisch sei.

Kürzlich haben sie die Infrastruktur der Grossen Halle den Klimaaktivisten zur Verfügung gestellt, ein anderes Mal war die feministische Sondersession zu Gast, wobei Frauen unter sich diskutieren und Projekte erarbeiten konnten. «Die Gleichberechtigung sollte längst eine Selbstverständlichkeit sein, ist es aber nicht», so Luzius Engel.

Gamen als Kunstform

Seit der Sanierung im letzten Jahr sei die Nutzung des Raumes einfacher geworden; das Büro, der ­Boden und eine Rollstuhlgängige Toilette seien neu gemacht worden. Den Raum zu heizen sei nach wie vor eine Herausforderung. Darum würden sie den Charakter der Veranstaltungen der Saison anpassen. So böte sich etwa im Winter eher ein Stück an, bei dem man nicht die ganze Zeit sitzen müsse. «Gegen Weihnachten hin stellen wir ein geheiztes Zelt mitten in den Raum», sagt Nina Engel. Der Cirque de Loin aus Bern wird zu Gast sein. Ein glanzvoller Anlass sei auch das sogenannte Kitchen Battle, bei dem Spitzenköche gegeneinander ankochen und der Erlös an eine gemeinnützige Organisation geht.

Besonders geeignet sei die Grosse Halle auch für Festivals, da man hier gleichzeitig genügend Platz für Konzerte, Performances und Workshops habe. Bereits zum zweiten Mal findet demnächst das PlayBern Festival statt. Dabei treffen Theaterschaffende und Game-Entwickler aufeinander. «Wir verstehen Gamen als Kunstform», sagt Nina Engel.

Flache Hierarchien

Während des Lockdowns war die Grosse Halle drei Monate lang geschlossen. Nun können, unter Einhaltung der geltenden Schutzmassnahmen, Veranstaltungen bis zu 300 Personen stattfinden. Beim geplanten African Musical Festival ist vorgesehen, wie bei einem Fussballspiel zwei Sektoren mit Gittern zu machen. Nina und Luzius Engel sind sich gewohnt, in allen Bereichen Hand anzulegen. So hantieren sie an einem grossen Schlauch, der warme Luft in die Halle pumpt oder leihen einem Nachbarn ein Bühnenelement aus oder sie sorgen sich um den Rauchmelder. Flache Hierarchien sind den beiden wichtig, einig seien sie sich aber nicht immer. «Wir diskutieren viel», sagt sie «und ergänzen uns gut», fügt er hinzu.

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