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Schriftstellerin Yael Inokai.© Ladina Bischof
Diverse Orte, Thun

Wut im Hirn, Kino im Kopf

Die Basler Autorin Yael Inokai besucht mit ihrem Roman «Ein simpler Eingriff» die 17. Ausgabe des Thuner Literaturfestivals Literaare: Eine Geschichte über eine Krankenschwester, die dabei hilft, Angst operativ zu entfernen.

«Einschläfern wie ein krankes Tier» will der Arzt die entsprechende Stelle. Die betroffenen Synapsen abklemmen und «das Kranke stilllegen». Das Kranke, das sind die Stimmungsschwankungen der Patientinnen. Meret, die Protagonistin im Roman «Ein simpler Eingriff», ist Krankenschwester und glaubt an die Macht der Medizin. Während der Arzt den Patientinnen, vorwiegend jungen Frauen, im Wachzustand Wut und Schwermut aus dem Gehirn herausoperiert, spielt sie mit ihnen Karten.

Enge des Klinik-Kosmo

Es ist eine düstere Atmosphäre, die Autorin Yael Inokai in einer verknappten Sprache heraufbeschwört. Der streng getaktete Klinikalltag drückt sich in detailreichen Beschreibungen und prägenden Bildern aus, etwa in Merets pragmatischem Verhältnis zu ihrer Arbeitskleidung, die sie immer trägt, da sie Freizeit kaum kennt.

Mit Ankunft einer neuen Patientin schleichen sich bei der Hauptfigur das erste Mal Zweifel am «simplen Eingriff» und dessen Folgen ein. Denn die junge Frau, welche von ihrer wohlhabenden Familie zur Operation gedrängt wird, befürchtet, durch die chirurgische Intervention nicht nur ihre Wut, sondern auch sich selbst zu verlieren. Und sie soll recht behalten. Als der Eingriff schiefläuft, wird sie von ihrer Familie kurzerhand aus dem öffentlichen Bewusstsein gelöscht – aus Scham über ihre Bettlägerigkeit.

Während Meret die Patientin mehr und mehr an eine komatöse Leere verliert, wird ihre Nähe zu Sarah, einer Mitkrankenschwester, immer unmittelbarer. Die Liebe zwischen den beiden steht in ihrer Körperlichkeit und Leidenschaft diametral zum eingeschlossen-hierarchischen Klinik-Dasein. Geheim bleibt sie, weil beide Frauen die unsichtbare Grenze spüren, die ihre Beziehung umgibt. Denn: «Wie kann man sicher sein, dass nicht eines Tages das eigene Verhalten als anormal gilt?», formuliert es Sarah.

Keine Schuldzuweisungen

«Ein simpler Eingriff» ist eine nur schwer in Zeit und Raum zu verortende Krankenhausgeschichte. Sie evoziert einerseits ein dunkles Kapitel der psychiatrischen Gehirnchirurgie, handelt aber auch vom bis heute virulenten Bestreben, abweichendes Verhalten wissenschaftlich festzumachen. Dabei verzichtet Inokai auf simple Schuldzuweisungen und macht die Widersprüche und Hoffnungen ihrer Figuren sichtbar.

2012 erschien ihr Debütroman «Storchenbiss», für ihren zweiten Roman «Mahlstrom» aus dem Jahr 2018 wurde die in Basel geborene und in Berlin lebende Autorin mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. Mit ihrem neuesten Roman, aus dem sie am Thuner Literaturfestival Literaare liest, hat sie den Anna-Seghers-Preis gewonnen. Moderiert wird die Lesung von der Kulturmanagerin Céline Tapis.

Wörter bebildern

Auf dem Literaare-Programm stehen viele weitere renommierte Schriftsteller*innen wie Felicitas Hoppe, Tomer Gardi oder Martina Hefter.

Das vielseitige Rahmen- und Begleitprogramm eröffnet auch ungewohnte Zugänge zu aktuellem literarischem Schaffen. Mit allen Sinnen involviert werden Besucher*innen im Thuner Rathaus bei der Erzählung «Los» des Schriftstellers Klaus Merz aus dem Jahr 2005. Sie handelt von Peter Thaler, der zu einer Wanderung in die Berge aufbricht und nicht mehr zurückkehrt. Regisseur Sandro Zol­linger und Filmemacher Roman Vital adaptierten Merz’ Erzählung als Vir­tual-Reali­ty-Film und erschufen damit ein einzigartiges Lese-, Hör- und Seherlebnis.

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