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Christian Saehrendt © Helena Saehrendt

«Wir erleben einen Digitalisierungs-Tsunami»

«Wir erleben einen Digitalisierungs-Tsunami» Die Corona-Massnahmen verstärken die soziale Ungleichheit, auch im Kulturbetrieb. Der Experte Christian Saehrendt sorgt sich um jene, die im Zuge der Pandemie ihren Job verlieren. Und er sagt, warum sich Hodlers «Thunersee mit Stockhornkette» virtuell nie so bewundern lässt wie im Museum.

Museen geschlossen, Galerien zu, kulturelle Veranstaltungen verboten. Herr Saeh­rendt, wie geht es den Künstlerinnen und Künstlern im Dauerlockdown?
Christian Saehrendt: Für Menschen mit Bühnenpräsenz kommt das Ver­anstaltungsverbot einem Berufsverbot gleich. Schauspieler oder Musikerinnen sind hart betroffen. Die bildende Kunst ist nur indirekt betroffen, aber auch sie braucht die Öffentlichkeit.

 

Inwiefern?
Viele von ihnen sind «Ateliertiere». Eigenbrötler, die monatelang auf den gros­sen Tag der Vernissage oder Ausstellung hinarbeiten, wo das Kunstwerk das Licht der Welt erblickt. Fehlt dieser Anlass – fehlt der soziale Austausch an der Vernissage – sinkt auch die Motivation, alleine im Atelier zu arbeiten.

Das künstlerische Selbstverständnis wird angekratzt?
Vielen fehlt in der Coronakrise die gesellschaftliche Anerkennung. Hinzu kommen die finanziellen Einbus­sen. Ein hoch angesehener Künstler braucht die Öffentlichkeit nicht so dringend, weil er schon im Markt eta­bliert ist. Nobel­galerien mit Listen von Stammkunden sowie Auktionshäuser mit Online-Versteigerungen können die Durststrecke überwinden. Doch die unbekannte Künstlerin oder der regionale Galerist, die ein neues Publikum erreichen wollen, sind auf offene Türen und Laufkundschaft angewiesen. Zum Beispiel am Tag der offenen Ateliers. Sie sind nun aufgeschmissen. Der Shutdown verstärkt die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft wie auch im Kunstmarkt.

Laut einem Kulturverband sind in der Schweiz fast 30 000 Menschen im Kulturbereich stark von der Pandemie betroffen. Wie kommt diese hohe Zahl zustande?
Neben Museen, Galerien und Kulturzentren gibt es zahlreiche Menschen, die diesen Betrieben zuarbeiten: Museumsaufsichten, Catering­angestellte, Ausstellungstechniker, Kunstvermittelnde. Oft sind es hier Frauen, die in Teilzeitpensen arbeiten.

Sind Sie persönlich auch betroffen?
Ich schreibe seit 20 Jahren über kulturelle Veranstaltungen, halte Vor­träge und gebe Gastseminare. Hinzu kommen Honorare für Bücher und Medienbeiträge. Vieles davon ist weggefallen. Aber ich will nicht jammern. Ich mache mir mehr Sorgen um die Menschen, die ihre Familien als Künstlerinnen und Künstler finan­ziell durchbringen müssen, um Nachwuchskünstler und -künstlerinnen oder Alleinerziehende, die ihren Job verloren haben.

Geht auf der gesellschaftlichen Seite auch so viel verloren? Ein Chorkonzert kann man schliesslich per Livestream hören und eine Ausstellung virtuell besuchen.
Wir erleben gerade einen Digitalisierungs-Tsunami. Künftig wird man Kunstausstellungen vom Sofa aus besuchen und beispielsweise Hodlers Gemälde «Thunersee mit Stockhornkette» per Mausklick heranzoomen können. Solche derzeitigen Angebote von Museen sind gut gemeint und oft auch gut gemacht. Doch aus der räumlichen Distanz lässt sich die Struktur eines Gemäldes nie so erfassen wie wenn man davorsteht. Die sprunghafte Digitalisierung birgt für die kulturellen Institutionen auch Risiken. Sind ihre Online-Angebote­ zu gut, könnten sich viele Menschen fragen: Warum soll ich dann noch ins Museum gehen? Aber die Corona-Massnahmen werden irgend­wann vorbei sein. Natürlich hoffe ich, dass der Hunger nach sozialen und sinnlichen Kultur­erlebnissen dann wieder gross ist und ein Nachholbedürfnis besteht. Aber es besteht das Risiko einer langfristigen Verhaltensänderung hin zur Online-Kultur und weg von der Live-Kultur. Dass das Publikum in der Pandemie so «erzogen» wird, dass es in einigen Jahren nur noch ungern nach draus­sen geht. Gerade wenn es sich um ältere Menschen handelt, die ja bisher das Gros des Kulturpublikums stellten. Weil diese dann Angst haben, sich im Theater oder der Galerie eine Infektion zu holen. Auch nach den Massnahmen kann das Überleben für Museen und Theater schwierig werden. Das Publikum könnte sich langfristig stark verkleinern.

Malen Sie da nicht etwas schwarz?
Wir leben nun seit einem Jahr mit den Corona-Massnahmen. Die Menschen werden zum Onlineleben gezwungen. Viele kommunizieren nur noch über digitale Kanäle miteinander und haben soziale Kontakte auf ein Minimum reduziert.

Wieso dauert dieser Vorgang so lange? Im Verlauf der Krise wurde deutlich, dass bestimmte poli­tische und wirtschaftliche Kräfte ein Interesse daran haben, dass dieser Zustand an­dauert. Grosse amerikanische Digitalkonzerne zum Beispiel, die grosse Gewinne machen. Allein Amazon wurde im vergangenen Jahr ungeheuer reich. Der Klein- und Einzelhandel wird kaputtgemacht. Und von der Verschiebung vom Präsenz- zum Fernunterricht profitieren vor allem die Software­anbieter. Letztlich sind die Corona-Massnahmen auch ein Experiment, bei dem unglaublich viele Daten gesammelt werden. Dies ist der Rohstoff des 21. Jahrhunderts. Je mehr Daten Unternehmen sammeln, desto mehr können sie Gefühle, Vorlieben und gedankliche Inhalte der Menschen erfassen.

Was hat das mit der Kultur zu tun? Wenn jeder nur noch vor seinem Smartphone oder Laptop sitzt und sich Kunstkonserven anschaut, entfällt die soziale Komponente. Die Kunst wird ent­sinnlicht. Sitzen wir im Theater, hören wir die Schauspieler atmen und schreien, wir spüren, wie sie schwitzen. Im Konzert stehen wir eng an eng, der Mensch rechts und links von mir wird ebenfalls von der Musik bewegt. Dieser Rückkoppelungseffekt fehlt. Zudem wird eine Veranstaltung umso intensiver erlebt, wenn man später zusammen darüber spricht und das Erlebte in der Gruppe aufarbeitet. Das ist genauso wichtig wie das Anschauen selber. Das Mengen­erlebnis geht verloren.

Werden Menschenmengen vermieden, kann sich das Virus schlechter ausbreiten.
Ja, aber ein Openair-Konzert mit Tausenden Besuchern ist etwas anderes als ein Museum. Gehen Sie mal ins Kunstmuseum Bern oder Thun. Da sind Sie auch in normalen Zeiten manchmal fast der Einzige. Es gibt kaum eine In­stitution, die Besucherströme besser kanalisieren kann. Ich wünsche mir, dass die Schliessungsentscheide für Museen oder kleine Galerien aufgehoben werden und dass kleinere Kulturveranstaltungen wieder möglich sind. Doch leider haben die Behörden gemerkt, dass das Interesse an Kunst in der Bevölkerung nur sehr gering ist und aus dem Kulturbereich nur schwacher Widerstand gegen die Massnahmen kommt.

Ist Kunst zu elitär geworden? Natürlich erreicht man mit Kunst kein Massenpublikum – vor allem nicht mit experimenteller und komplizierter Kunst. Aber dennoch sollte man auch Angebote für möglichst weite Bevölkerungskreise machen, um ihnen die Welt der Kunst zu öffnen, die geistige Anregungen geben und Freude machen kann. Auch ich versuche mit meinen Publikationen wie der «Gebrauchsanweisung für moderne Kunst» die Berührungsangst vor moderner Kunst abzubauen: Kunst ist nicht nur etwas für Spinner und Super­reiche, sondern eigentlich für alle. Es kommt darauf an, was man daraus macht.

Woran machen Sie dies fest?
Nach dem Zweiten Weltkrieg,aber vor allem seit den 1970er- und 1980er-Jahren befassten sich im deutschsprachigen Raum immermehr Menschen hobby­mässig und professio­nell mit Kunst. Der gestiegene gesellschaft­liche Wohlstand ermöglichte es vielen, Kunstakademien zu besuchen und sich beruflich zu spezialisieren. Allein die Internetseite der Stadt Thun führt Dutzende hauptberufliche Künstlerinnen und Künstler aus der Region auf. Ich kann mir vorstellen, dass sich dies wegen der Coronakrise nun ändert und sich die Zahl der Menschen, die sich künstlerisch betätigen können, leider wieder kleiner wird. Interview: Christof Ramser

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