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Nach einem Sachbuch über Hip-Hop veröffentlicht Cihan Acar seinen ersten Roman. © Robin Schimko
Haus der Religionen, Bern

«Willkommen in der Minderheit»

Cihan Acars Debütroman «Hawaii» ist eine Hommage an ein «Problemviertel» in Heilbronn und lebt von der charmanten Schnoddrigkeit seines Protagonisten.

«Schieb keine Filme, Kemal. Du kennst die Stadt. Die Stadt kennt dich. Ihr müsst nur wieder zueinanderfinden.» Kemal Arslan ist zurück in ­seiner Heimatstadt Heilbronn. Der 21-Jährige war Profifussballer in der Türkei, bis ein Autounfall seine Karriere jäh beendet hat. Jetzt ist er zurück in Hawaii, dem «Problemviertel» der Stadt, «der Bronx von Heilbronn». Kemal sei wie ein jüngerer Bruder von ihm, sagte der deutsch-türkische Autor Cihan Acar über den Protagonisten seines Ro­mans «Hawaii». Das Buch lebt von der schnoddrigen Stimme seines Protagonisten. An einer Hochzeit redet ein Onkel, der eigentlich gar nicht sein Onkel ist, mit einem Glas Raki in der Hand Kemal ins Gewissen. «Ich hatte nur kurz hallo sagen wollen und jetzt hatte ich die Hauptrolle bei ‹König der Löwen› im Migrantenremix», so Kemals lakonische Gedanken zur Predigt seines «Onkels». Über den traurigen Blick der Braut, über die eher schä­­bi­ge Hochzeitslocation denkt er nur: «Willkommen in der Minderheit.»

Die Beschreibungen der Stadt und ihrer Figuren sind getragen von einem liebevollen Spott: «In der Ferne sah ich gelbe Lichter, die alle Gebäude der Stadt weit überragten. Aber auf den Trick falle ich nicht mehr rein. Den bringt Heilbronn oft bei Nacht. Die Lichter sehen nämlich original aus wie ein ­gerade gelandetes Raumschiff. Erst wenn man ihnen entgegenläuft, merkt man, dass es doch nur die Kräne einer neuen Baustelle sind.»

«In all seiner farblosen Pracht»

Ausgerechnet Hawaii heisst das Viertel im «Industriegebiet in all seiner farblosen Pracht», in dem der Roman spielt. Weshalb, weiss niemand so genau. Der Ich-Erzähler hat seine ganz eigene Theorie darüber: «Was für eine miese Gegend, sind wir doch mal witzig und benennen sie nach einem Paradies.» Als Aussenseiter in der eigenen Heimat durchstreift Kemal dieses Viertel, mit den Häusern, an deren Aussenwänden «mehr TV-Satelliten als Fenster» zu sehen sind, «Gartenstühle aus Plastik, mehrere kahves, eine Bäckerei, eine Moschee und eine Kirche. Eine kleine, abgeschlossene Welt im Quadrat.»

Die Hitze staut sich in den Strassen bei 41 Grad und immer mehr macht sich auch die angestaute Wut bemerkbar. Erst sind es nur Demonstrationen für eine «Schweinefleisch-Pflicht in der Kita», oder der Rat von ein paar ­Alkoholikern in der «Bierhölle», sich als «Fremder» hier besser nicht blicken zu lassen, bis sich dann in Strassenschlachten der ganze Fremdenhass entlädt. Mittendrin Kemal, dessen «Fussballgeld» aufgebraucht und deren Zukunft un­gewiss ist. Es passt, dass Cihan Acar bereits ein Sachbuch über Hip-Hop geschrieben hat, sein filmisch geschriebener Debütroman lebt von der lässigen, rhythmischen Sprache und behandelt in einem leicht­füssigen Tonfalls ein hochaktuelles Thema.

Cihan Acar «Hawaii», 2020
Hanser Berlin
www.hanser.de

Die Lesung im Haus der Religionen wurde auf den 5.5.2021 verschoben
www.haus-der-religionen.ch

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