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Antje Rávik Strubel besucht mit «Blaue Frau» das Zentrum Paul Klee. © Philipp von der Heydt
Zentrum Paul Klee, Bern

Vor dem Erzählen geschützt

Antje Rávik Strubel erzählt von einer jungen Tschechin mit Trauma, die nicht weiss, wem sie das Erlebte anvertrauen kann. «Blaue Frau» ist ein ambitionierter «MeToo»-Roman, der auch vom westeuropäischen Chauvinismus handelt. Daraus liest die Autorin im ZPK.

Die Erzählung setzt mit der hyperrealistischen Betrachtung der Einrichtung einer Wohnung in Helsinki ein: Die Küchenuhr, die Poster am Kühlschrank, die Caffettiera auf dem Herd. Doch wer sich darin aufhält, wer die wandernden Uhrzeiger beobachtet und das Rauschen der Autos von draussen vernimmt, bleibt unscharf. Auch, weil die Protagonistin im Raum verschiedene Namen trägt. Adina, Nina, Sala.

Im Laufe des 430 Seiten langen Romans «Blaue Frau» von Antje Rávik Strubel wird sich zwar eine Geschichte abzeichnen, fügen sich Fakten zusammen, doch Adina, Nina, Sala bleibt auf Distanz, auf der Hut, auch vor der Erzählerin des Romans, einer im deutschen Osten geborenen Schriftstellerin, ein Alter Ego von Autorin Rávik Strubel selbst, die auch selbst im Roman auftritt.

Slawisch, skandinavisch

Diese Angst vor Nähe hat einen Grund. Die junge Tschechin Adina Scheijbal bricht mit Anfang 20 aus einem Bergort an der Grenze zu Preussen zunächst nach Berlin auf. Wenig später, als Praktikantin eines «Ost-West»-Kulturhauses in der Uckermark, Nina genannt, wird sie verge­waltigt und gefoltert – von einem deutschen Kulturmultiplikator, der Fördergelder fürs Haus bringen soll. Tags darauf wird der Vorfall heruntergespielt. Adina flieht nach Helsinki, arbeitet hinter dem Tresen einer Hotelbar, und bleibt stecken an diesem Schwellenort «mit slawischer Seele und skandinavischem Design», in einem Körper, der ein Eigenleben führt, weil ihr die die Worte für das Erlebte fehlen. Mehr noch aber mangelt es ihr an Adressat*innen, die sich ihre Geschichte anhören möchten.

So kann sich der estnische EU-Abgeordnete Leonides Stilman als Hotelgast in sie verlieben; das Herzrasen, den Durst und die Gefühle der Kälte und Einkapselung, die Sala, wie er sie wiederum nennt, heimsuchen, vermag er aber nicht zu deuten. Nur Kristiina, der finnischen Menschenrechtsaktivistin und Politikerin, vertraut Adina ihre Geschichte schliesslich an. Doch ist sie, die junge Frau aus dem Osten, die den Peiniger vor Gericht bringen will, auch dem fragenden Blick der Richter*innen in Deutschland gewachsen?

Darauf gibt der Roman, der verschiedenste Erzählebenen verwebt, und in dem auch die (fiktionale) Romanautorin in rätselhaften Einschüben auftritt, keine Antwort.

«MeToo», Osteuropa, Westen

Auch der Erzählerin und Autorin des Romans entzieht sich also diese junge Frau. Doch genau dies – sich nicht gänzlich preisgeben zu müssen, sich keiner Erzählung zu ergeben, auch nicht der einer anderen Frau – dies ist die Freiheit und gleichzeitig die Traurigkeit der Protagonistin. Und es ist die Klugheit des Romans «Blaue Frau» und seiner Autorin Antje Rávik Strubel, die sich darin einer sexuell traumatisierten Frau annähert, sich dabei als fiktionalisierende Erzählerin zu erkennen gibt und das Trauma so erahnbar macht, ohne übergriffig zu sein: Manchmal müsse «das Erzählen vor dem Leben beschützt werden», heisst es irgendwo im Roman, etwa vor dem Vergessen oder Verdrängen. Wenige Seiten später stellt die Ich-Erzählerin fest, dass das Leben aber umgekehrt auch vor dem Erzählen beschützt werden müsse.

«Blaue Frau» umkreist das Trauma einer jungen Frau, wurde nach Erscheinen als «MeToo»-Roman gehandelt, ist gleichzeitig aber auch eine Erzählung über eine vom europäischen Westen angeleitete Annäherungspolitik an den Osten, die die Gespenster der Vergangenheit nicht loswird und neue gebiert.

Für ihren ambitionierten Roman, an dem sie acht Jahre arbeitete, erhielt Antje Rávik Strubel 2021 den Deutschen Buchpreis. Nun liest sie im Zentrum Paul Klee daraus.

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