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Aus der Taufe gehoben in zwei Wochen.© David Lüthi & Mirko Leuenberger

Schreiben für das Jetzt

Das Magazin «Stoff für den Shutdown» bündelt Texte von 30 Schweizer Autor*innen und ist innerhalb von zwei Wochen entstanden. Wie so etwas geht, erzählt der Basler Journalist Benjamin von Wyl, der unter anderem für die «WOZ» schreibt.

«Wir waren im Fall gar nicht so schnell. Donat Blum vom ‹Glitter›-Magazin hatte seinen Aufruf für das Online-Literaturfestival ‹Viral› bereits veröffentlicht. Erfahren habe ich das erst, als ich ihn anrief, um ihn zu fragen, ob er für ‹Stoff für den Shutdown› schreiben möchte. Das war am Sonntag, 15. März.

Eine Nacht zuvor hatte mich Daniel Kissling angerufen. Sein Kulturlokal Coq d'Or in Olten musste sich wegen der 50-Personen-Regelung bereits einschränken. Er wollte seine Energie in ein Projekt stecken. Auch bei mir sind anfangs viele Aufträge ausgefallen, ich würde sagen im Wert von etwa 4000 Franken. Zum einen war es also die fehlende Brotarbeit, zum anderen die überschüssige Energie, welche uns angetrieben hat.

An besagtem Sonntag rief ich die Autorinnen und Autoren an und wurde immer euphorischer. Ich spürte ihren Drang, niederzuschreiben, was diese Situation mit ihnen machte. Viele bekundeten Mühe, an den längerfristigen Sachen zu arbeiten, weil sie nicht wussten, ob diese zum Zeitpunkt der Abgabe überhaupt noch aktuell sein würden. Das Bedürfnis war da, etwas für das Jetzt zu schreiben. Etwas, das in einem halben Jahr keine Gültigkeit mehr haben muss.

Was folgte, war ein Dauerlektorieren: Der versprochene Text landete in meinem Postfach. Dann lesen, darüber nachdenken, Fragen stellen, zurückschicken, anrufen. Ich habe mit allen Rücksprache gehalten. Für mich bedeutet das Wertschätzung. Klar, wir mussten schnell sein, aber nicht auf Kosten des Austausches.

Eine Woche später – auch dank dem Grafikduo David Lüthi und Mirko Leuenberger – war das Gut zum Druck bereit. Es hat sich angefühlt wie ein Versprechen: In ein paar Tagen kommt das «Heftli», welches diesen Monat März festhält. Dass unser Aufruf zum Crowdfunding auf so viel Resonanz stossen würde? Haben wir nicht erwartet. Im Vorfeld rechneten wir damit, dass die Einnahmen knapp für den Druck reichen würden. Für die ersten beiden Ausgaben können wir jeden Text mit 300 Franken honorieren. Wahrscheinlich haben wir das Geld deshalb so rasch zusammengekriegt, weil wir uns in einer Ausnahmesituation befinden. Es wird sich zeigen, wie das Crowdfunding für die dritte Produktion funktionieren wird.

‹Umarmen› lautet das Motto der ersten Ausgabe. Und wenn ich in den Texten eine Art Grundstimmung ausmachen müsste, dann ist es vielleicht ein Ausgeliefertsein. ‹Stoff für den Shutdown› ist kein Live-Ticker. Es geht nicht um Opferzahlen. Nicht darum, wie lange der Lockdown noch dauert. Der Fokus liegt auf der literarischen Perspektive.

Das nächste Heft dreht sich um ‹Ausdauer›. Und die dritte Ausgabe von Ende Mai erzählt hoffentlich von der Rückkehr in ein wenig Normalität.»

 

Heft mit Texten von u. a. Simone Meier, Michelle Steinbeck und Fatima Moumouni bestellen und Projekt unterstützen: Crowdify Projekt

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