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Autorin Mithu Sanyal kommt nach Bern.© Guido Schiefer
Berner Generationenhaus

Make Love, Not Co2

Mit «Identitti», einer Verwirrungsgeschichte rund um postkoloniale Identitäten, schrieb Mithu Sanyal den Roman der Stunde. Im Berner Generationenhaus spricht die Autorin über eine politische Utopie, die sie «Love politics» nennt.

«Love politics» – mit Verlaub: Das klingt irgendwie realitätsfremd. Die Welt heute kennt vor allem viel Hass.
Eben deshalb braucht es umso mehr Utopien, gerade in der Politik, um eine andere Art des Zusammenlebens herbeizuführen. Interessanterweise habe ich Ideen dafür gerade auch mit Blick zurück auf Traditionen gefunden.

Woran denken Sie?
Ich liebe die Arbeiten der indigenen, US-amerikanischen Autorin und Ökologin Robin Wall Kimmerer. Sie bringt indigene Traditionen mit moderner Wissenschaft zusammen. Sie sagt: Es ist nicht die Umwelt, die zerstört ist, sondern unsere Beziehung zur Umwelt. Wir haben viel zu wenige Vorstellungen davon, wie wir reziprok mit der Natur zusammen leben. Deshalb können wir auch nicht dahin arbeiten.

Neulich sah ich an einer Berner Ampel den Sticker «Make Love, Not CO2».
Was für ein toller Slogan.Tatsächlich stimmen mich die vielen jungen Menschen, die auf die Strasse gehen, zuversichtlich. Sie zeigen sich solidarisch – und sie anerkennen, dass die Menschen voneinander und von anderen Wesen abhängig sind. Solidarität, Liebe und Sorge sind Werte, die wir gesellschaftlich aufwerten sollten – und politisch. Übrigens haben ja auch Gandhi oder James Baldwin Liebe als politische und soziale Kraft anerkannt.

In der Welt- und Parteipolitik sind die Fronten allerdings verhärtet wie selten. Solidarität ist oft Fehlanzeige.
Absolut. Parallel zu diesen wunderbaren sozialen Bewegungen herrscht ein Klima der Opposition, der Fronten und der Angst. Es werden Identitäten und Interessen gegeneinander in Anschlag gebracht – was oft in die Hände der Privilegierten spielt – oder besser: des Status Quo. Es braucht ein Umdenken.

Und wie soll das gehen?
Ich glaube, gerade die Klimafrage, die ja alle betrifft, könnte das herbeiführen: Wir sitzen da alle im selben Boot. Die Arbeit der Politik, eben einer Politik der Liebe, wie ich es nenne, müsste sein, sicherzustellen, dass alle gesellschaftlichen Gruppen gesehen und gehört werden, Care-Arbeit besser entlöhnt wird – und auch die Natur als Teil von uns anerkannt wird. Solidarität und Sorge könnten unser Überleben garantieren.

Gesetzt den Fall, es gibt uns noch in 100 Jahren: Wie leben wir dann in unserer Gesellschaft zusammen?
Meine Utopie wäre etwa so: KI werden einen Grossteil der Arbeit übernehmen – viele Jobs in der Produktion und Dienstleistung von heute wird’s nicht mehr brauchen. Doch wovon wir effektiv nie genug kriegen können, sind Menschen, die fähig sind, andere zusammenzubringen, die Geschichten erzählen und dafür sorgen, dass wir aneinander wachsen. Und darin sind Menschen eigentlich ganz gut. 

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