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Episch: Nino Haratischwili.© Dina Oganova
Diverse Orte, Solothurn

Kurz und fein bis überlebensgross

Von Simone Lapperts feiner Lyrik zur erschütternden Epik von Nino Haratischwili: Die 44. Solothurner Literaturtage warten mit hiesiger und internationaler Literatur auf.

Sie wurde mit Spannung erwartet: Die Schweiztournee des amerikanischen Schriftstellers Joshua Cohen, dessen 907 Seiten langer, 2010 erschienener Holocaust-Roman «Witz» unlängst auf Deutsch erschien. Ein Jahrzehnt soll Cohen in seinen 20ern am Opus geschrieben haben, bei dem Literaturwissenschaftler*innen zu Vergleichen mit Schmitts «Zettel’s Traum» und Joyce greifen: «Witz» ist eine literarische Zumutung, ein verstörend genialer Roman, der den Wahnsinn der Shoah nicht nur durch Überblendungen jüdischer religiöser Topoi, Lager­szenen und die groteske Schilderung eines postapokalyptischen Neojudentums einfallen lässt, sondern durch die Zersetzung jeglicher formalen und logischen Stringenz und sprachlich-stilistische Wucherungen nachvollzieht. Mit «Witz» wären Joshua Cohen und sein in Basel lebender Übersetzer Ulrich Blumenbach nun auch an den Solothurner Literaturtagen zu Gast gewesen. Nachdem vor wenigen Tagen bekannt wurde, dass Cohen für seinen jüngsten Roman «The Netanyahus» den Pulitzerpreis im Bereich Fiction gewinnt, wurden Cohens Schweizer Termine und der Halt in Solothurn in letzter Minute abgesagt.

Eruptives Epos

Auf grosse Namen und dicke Bücher müssen die Literaturtage auch so nicht verzichten. So kommt die deutsch-georgische Schriftstellerin Nino Haratischwili mit ihrem Roman «Das mangelnde Licht» nach Solothurn, einer grossen, in Rückblenden erzählten Saga. Darin entfaltet Haratischwili die tragische Geschichte von vier sehr unterschiedlichen Freundinnen, die ihre Jugend in den gesellschaftlich-politischen Zerwerfungen des spät- und postsowjetischen Georgien der 1980er- und 1990er-Jahre verleben, oder besser, überleben: Ihr Alltag, ihre Freundschaft, ihre erste Liebe und ihre Wünsche sind zunehmend versehrt durch Putsch und Bürgerkrieg. Kriminelle Gewalt, Ver­rohung, Heroin und ein toxischer Machismo lassen ihre Träume, Körper und Erinnerungen vernarbt zurück, nur drei der vier leben noch am Ende des Romans.

Haratischwili arbeitet mit eindringlichen szenischen Beschreibungen, Dialogen, aber auch rückblickenden Reflexionen, die die Ich-Erzählerin Keto, eine der Freundinnen, aus dem Heute anstellt: «Wir wissen, dass wir uns und der ganzen Welt etwas vormachen, indem wir sie glauben machen, wir hätten es geschafft und hätten überlebt. Denn etwas Essenzielles haben wir nicht retten können, etwas, das für immer in dieser schwarzweissen Welt haften bleiben und als leises Echo in unsere Gegenwart schwappen wird.»

Das 832 Seiten starke Epos, das von Verheerungen von Krieg und Gewalt in den Biografien der Überlebenden handelt, erschien nur wenige Tage vor dem russischen Angriff auf die Ukraine und erfuhr dadurch umso mehr Beachtung und traurige Aktualität. Bezüge dazu wird Haratischwili wohl nicht nur an ihrer Lesung, sondern vor allem auch in der Diskussionsrunde «Woran wir uns erinnern» im Gespräch mit Autorin Julia Franck und Kulturjournalistin Brigitte Helbling machen.

Blumen bleiben stehen

Mit nur 67 Seiten dürfte der Lyrikband «längst fällige verwilderung» der Schweizer Autorin Simone Lappert das schlankste Werk in Solothurn sein. Es ist die erste Gedichtsammlung der Autorin nach ihren Romanen «Der Sprung» und «Schattenwurf», entstanden ist sie auch dank eines Covid-Stipendiums der Stadt Zürich. Die Texte zeugen von der Zeit im physisch-mentalen Rückzug, denn darin geht es oft ums oder «Ans Eingemachte», wie eines der Gedichte heisst. Und dies in einem mehrfachen Sinne: Konserviert werden in den 61 Texten Erinnerungen, Sehnsüchte, Ausflüchte und «Gespinste», wie es im Untertitel des Bands heisst, aber auch eine angesäuerte Liebe: «dein schweigen ein einweckglas, / hygienisch ausgekocht deine herzkammerwände, / lückenlos das vakuum deines rückzugs. / weck sie nur ein, unsere essigliebe, / luftleer konserviert hält sich angebrochenes länger.» Simone Lapperts lyrische Sprache ist klug, gewitzt, überraschend, oft funktioniert sie im Zusammenspiel mit dem Titel, so etwa beim Kürzestgedicht «metaphysik»: «schau, sagst du, / es ist wie beim kühlschrank, / es gibt nur das, was da ist.» oder in «bewältigung»: «du schiebst die krise / im zickzack über den rasen, / die blumen lässt du stehen.» Das, was Lappert in «längst fällige verwilderung» sonst noch lyrisch wachsen und spriessen liess, zeigt sie in einer Spoken-Poetry-Performance. Begleitet wird sie von E-Bassistin Martina Berther.

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