mitgliederwerden grey iconMitglied werden
Archiv
Auch der Berner Bildungs- und Kulturdirektorin Christine Häsler fehlt die Kultur. © David Schweizer

«Kunst ist essenziell. Weil sie zur Zeit fehlt, blutet mir das Herz»

Christine Häsler ist Bildungs- und Kulturdirektorin des Kantons Bern. Die momentane Situation sei extrem schwierig, sagt sie. «Ich hätte mir dies niemals gedacht, geschweige denn gewünscht. Wir müssen alle durchhalten und auf besser Zeiten hoffen.»


Christine Häsler, Sie sind Mutter von vier erwachsenen Kindern. Eines davon hat Unterstützungsbedarf. Sie wissen, was es heisst, zu verzichten und durchzuhalten. In der Krise zeigen Sie sich besonnen, unaufgeregt und eher leise. Sie unterstützen Kinder, Eltern (berufstätige Mütter!) und Lehrpersonen, indem Sie die Schulen geöffnet lassen. Wie erleben Sie diese Situation?
Es ist für alle eine sehr schwierige Situation. Wichtig scheint mir, dass wir versuchen, einander zu verstehen, um uns gegenseitig helfen zu können. Dass die jungen und die älteren Menschen die jeweiligen Probleme der anderen erkennen. Wir alle sind gefordert, die Massnahmen ernst zu nehmen und umzusetzen, damit wir uns und unsere Mitmenschen vor einer Erkrankung schützen können.

 

Sie sagten, wir dürften Kinder und Jugendliche nicht noch einmal allein lassen. Diese scheinen dies zu schätzen. Deshalb befremdet es, wenn Schulleitende trotzdem kulturelle Anlässe, die in Zukunft in der Schule geplant sind, absagen und somit Lehrpersonen, die sich lange vorbereiteten, und Kinder enttäuschen. Wie empfinden Sie dies?
Die Massnahmen werden in den Schulen sehr gut umgesetzt. Obwohl alle Mitarbeitenden der Schulen aktuell sehr, sehr stark gefordert sind. Es gibt in diesem Bereich beide Feststellungen: Manche Schulen finden neue Formate für kulturelle Anlässe, andere Schulen verzichten gegenwärtig darauf. Ich kann beide Seiten verstehen, die ausserordentliche Lage fordert uns vieles ab. Es wiegt momentan schwer, Verantwortung übernehmen zu müssen.

Ist es nicht so, dass beschäftigte Kinder und Jugendliche weniger anfällig für Aggressionen oder, im Gegenteil, Depressionen sind? Oder anders: Was darf man den Jugendlichen alles nehmen, was soll man ihnen lassen? Wie könnte man den Lehrpersonen ans Herz legen, dass auch kulturelle Anlässe innerhalb der Schule mit einem Schutzkonzept genauso möglich sind wie der Deutschunterricht?
Kulturvermittlung liegt den Schulen im Kanton Bern am Herzen. Wir unterstützen im Kanton Bern bekanntlich seit vielen Jahren schulische und ausserschulische Kulturvermittlungsprojekte. Alle Fördergefässe im Bereich der schulischen Kulturvermittlung sind unter dem Namen «Kultur und Schule» (ehemals «Bildung und Kultur») zusammengefasst und werden rege genutzt. Diese Angebote unterliegen grundsätzlich dem gleichen Schutzgedanken wie der Unterricht auch. Das heisst, sie sind möglich, wenn die entsprechenden Schutzkonzepte eingehalten werden können.

Die Kultur ist zurzeit Corona-bedingt auf Eis gelegt. Den Menschen wird mehr und mehr (nicht nur theoretisch) bewusst, wie essenziell Kultur in jeder Form ist. Wie bewegen Sie sich in diesem Spannungsfeld?
In der Tat ist es ein gewaltiges Spannungsfeld, und da blutet das Herz. Kultur ist essenziell und wir müssen im Moment in vielen Bereichen darauf verzichten. Ich hoffe, dass wir rasch wieder eine gesundheitliche Lage erreichen, die das Aufblühen des Kulturlebens erlaubt.

Wie konkret haben Sie zurzeit Kontakt mit Künstlerinnen und Künstlern? Tauschen Sie sich auch «live» mit ihnen aus?
Ich pflege den persönlichen und regelmässigen Austausch und habe nahen Kontakt mit Kulturschaffenden. Sowohl beruflich als zuständige Regierungsrätin, als auch im privaten Umfeld, in dem ich viel mit Künstlerinnen und Künstlern zu tun habe. Unser Amt für Kultur koordiniert die Anfragen für Kulturbeiträge im Rahmen des Covid-19-Gesetzes. Es hat in den vergangenen Monaten eine riesige Aufgabe bewältigt. Als zuständige Direktion stehen wir somit selbstverständlich in stetem Austausch mit der Kulturszene, und wir setzen uns mit aller Kraft für sie ein.

Wie sind die Reaktionen der Kulturschaffenden?
Die Verunsicherung ist selbstverständlich sehr gross. Auf der Basis des Covid-19-Gesetzes des Bundes werden Bund und Kantone gemeinsam einen Beitrag leisten, die wirtschaftlichen Schäden im Kultursektor abzufedern. Neu ist es möglich, Transformationsprojekte mitzufinanzieren. Das heisst, dass Kulturunternehmen Projekte zur Neuausrichtung, zur Rückgewinnung des Publikums oder für Kooperationen einreichen können. Kulturschaffende haben weiterhin die Möglichkeit, Soforthilfen aus Bundesmitteln bei Suisse-Culture-Sociale zu beantragen. Ebenso werden Amateurvereine aus Bundesmitteln unterstützt. Dafür sind die Verbände zuständig.

Wer seine Arbeitsausfälle belegt, bekommt Geld vom Kanton. Wie lange, denken Sie, wird die Kultur­szene noch brachliegen?
Wir wissen es einfach nicht, das ist die grosse Schwierigkeit bei dieser Pandemie. Deshalb müssen wir alle unbedingt mit dem richtigen Verhalten dazu beitragen, dass die Ansteckungen zurückgehen. Auch die Regierung will Sorge tragen zur Kultur. Das hat sie mit den raschen und klaren Entscheidungen im Frühjahr bewiesen und das wird sie weiterhin verlässlich tun. Und so hoffen auch wir und tun alles dafür, dass kulturelle Anlässe bald wieder möglich werden.

Gern würde ich von Ihnen wissen, aus welchem Grund auch die Museen geschlossen wurden, obwohl dort die Schutzmassnahmen mit Schutzkonzepten eingehalten werden könn(t)en?
Im Oktober haben die Fallzahlen und jene der Erkrankten, die Spital- oder gar Intensivpflege benötigen, sehr rasch und sehr stark zugenommen. Wenn das Gesundheitssystem an seine Grenze kommt, wird es für kranke Menschen schnell lebensbedrohlich. Es geht der Regierung bei den Massnahmen im Kanton Bern darum, nun rasch wieder mehr Sicherheit für die ganze Bevölkerung zu erlangen. Die Museen werden, wie auch damals im Frühling, bestimmt zu jenen Bereichen gehören, die wieder öffnen dürfen, sobald die Fallzahlen es erlauben.

Sie selbst sagen, zu Ihren Leidenschaften gehöre die Literatur. Welche Literatur mögen Sie? Von wem? Was lesen Sie gerade?
Ich war schon als Kind ein Bücherwurm, und ich habe über lange Zeit sehr gern und sehr viel gelesen. Als Kind startete ich mit Astrid Lindgren. Später, als Erwachsene, kam eine breite Palette mit Hang zu Tiefgang und Dokumentarischem dazu. Leider sind meine Arbeitstage aber heute so voll und so lang, dass ich gegenwärtig nicht zum Lesen komme und die gute Literatur nun auf weniger belastete Zeiten warten muss.

Welche Form der Kultur (Musik, Kunst, Film, Theater, Fotografie usw.) bevorzugen Sie ausserdem?
Es ist vor allem die grosse Freude an der Vielfalt in unserer Kultur, die mich begleitet. So besuche ich Kunstausstellungen ebenso gern wie ein Konzert.

In der Schweiz, so empfinde ich es persönlich, gehen die Politikerinnen und Politiker auf die Anliegen des Volkes ein. Will heissen: Wir dürfen uns in der Schweiz freier fühlen als manche Menschen im (nahen) Ausland. Trotz Corona wird auch auf die Seele, im Sinne der Ganzheitlichkeit, und nicht allein auf den Körper Rücksicht genommen. Wie sehen Sie dies, und wo könnte etwas besser sein?
Ich denke schon, dass wir auf unser System der Demokratie, Mitsprache und Meinungsäusserung stolz sein können. Aber es ist nicht selbstverständlich. Wir müssen alle immer wieder auch daran arbeiten, dass wir einander verstehen und aufeinander eingehen. Auch in der Politik. Nur so, mit gegenseitiger Achtung und mit Respekt, findet man Lösungen für die grossen Probleme.

Und Sie persönlich? Spielen Sie ein Instrument? Schreiben Sie? Spielen Sie Theater oder drehen einen Film? Oder möchten Sie, sobald Sie mehr Zeit dafür haben, ein (neues) künstlerisches Hobby in Angriff nehmen?
Sie sprechen es an: Die Zeit für ein eigentliches Hobby fehlt gegenwärtig gänzlich. Aber ich gehe dann gern wieder ins Kino, in Konzerte. Und ich werde hoffentlich wieder die A4-Dossiers beiseitelegen und viele Bücher lesen können. Denn das fehlt mir sehr.

Anmeldung Newsletter

Wetter in Bern

laden