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Martin Bieris Gedichte handeln oft von unsichtbaren Dingen und unbetretbaren Orten.© Adrian Moser
Münstergass-Buchhandlung, Bern

Kartograf des Ungeschauten

Pneubagger, selbstvergessene Archive, Formvollendung und andere Vorkommnisse: Der Berner Autor Martin Bieri stellt in der Münstergass-Buchhandlung seinen zweiten Lyrikband, «Unentdecktes Vorkommen», vor. Was genau macht eigentlich ein Gedicht aus? Eine Frage, die Lyriker Martin Bieri umtreibt und die selten schlüssig beantwortet wird: «Ein Gedicht muss kurz sein und eine Form haben. Klingt banal, ist aber recht schwierig.»

Er, der zu Landschaftstheorie und zeitgenössischem Theater promovierte und als Journalist und Dramatiker tätig ist, sieht und findet das Erhabene etwa «in einer Tiefgarage, /In einem Parkhaus in Saas Fee, für 900 Wagen/mit Winterpneus». Das war in seinem 
Lyrik-Erstling «Europa, Tektonik des Kapitals» (2015), der mit dem kantonalen und städtischen Berner Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Mit «Henzi» folgte 2020 die Lebensgeschichte eines gescheiterten Berner Revolutionärs, eine lyrische Wanderung entlang des überbauten, nicht mehr sichtbaren Sulgenbachs.

Ein Gedicht wie ein Stollenplan

In seinem zweiten, soeben erschienenen Lyrikband «Unentdecktes Vorkommen» (Allitera Verlag, München) widmet er sich abstrakteren, teils weder betracht- noch betretbaren Orten: einem finnischen Atomendlager etwa, worüber er konsequent vierzeilig dichtet und in jeder Zeile Lücken einbaut. Das lässt den Text aussehen wie ein Stollenplan, der hinab führt in diese menschgemachte, zum Vergessen designte Landschaft.

«Lärm des werdenden Flusses»

Die schöne Hässlichkeit der Nützlichkeitsarchitektur fasziniert ihn.Ewigkeitsbauten, im Verhältnis zur Erdzeit aber doch vergänglich wie Nebel. Bieri interessiert die Entstehung einer Landschaft: «Beim Atomendlager Onkalo und dem renaturierten Fluss Aire ging es mir um die kulturelle Bearbeitung, der natürliche Zustand ist eine Illusion. Natur und Kunst lassen sich nicht mehr unterscheiden», erklärt Bieri. In Lyrik fasst er es so: «Pneubagger, Laderaupen, Graben- /fräsen und der Imlochhammer: /Lärm des werdenden Flusses. /Lose legten sie rote Schläuche, /Venen eines Werks, äussere, weiche.» («Induni»)
Schliesslich widmet er sich in «Unentdecktes Vorkommen» auch Raumsonden, Wolken in der Troposphäre, dem musealen Nachbau einer zu Urzeiten bemalten Höhle in Montignac oder auch einer Cloud: «Ich speicherte mich wie auf Vorrat,/ein Verlauf, ich war mein selbstvergessenes/Archiv, lebte in den Lüften, niemandem/ein Rätsel ausser mir, ich verbreitete mich».

In Vergessenheit gestürzt

«Spezialsprachen und Bilder sind poetisches Material für mich, sie geben mir literarische Impulse. In dem Sinne ist Lyrik für mich etwas sehr 
visuelles», eruiert Bieri. Man kann ihn einen lyrischen 
Kartograph nennen. Einer, der «skeptische Festschriften, Auftragswerke ohne Auftrag» schreibt, wie es der Verlag nennt. Absolut liebevoll kann er so die im Rummel um Apollo 11 in Vergessenheit gestürzte Raumsonde Luna 15 bedichten: «während du stürztest, fürchterlich,/nachts ein Drama ersten Ranges,/der schon vergeben war./Ab da gelang es nicht mehr./50 Tonnen zu späte Sciene-Fiction». Absolut lyrisch, eine Horizonterweiterung der Gattung.

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