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Hat 15 Jahre an seinem nun ausgezeichneten Debüt gefeilt: X Schneeberger.© Julien Chavaillaz

Irgendwo dazwischen oder

Das Buch schaffte es auf die Hotlist der 30 besten Bücher deutschsprachiger unabhängiger Verlage und gewann den Schweizer Literaturpreis. Christoph Schneebergers Debütroman «Neon, Pink & Blue» erzählt von mitten im Leben, ausserhalb der Gesellschaft.

«Travestie. Drag. Das ist eine Sache, die ausserhalb der Literatur stattfindet.» Dies stellt Christoph Schneeberger an der Lesung aus seinem Debütroman «Neon, Pink & Blue» voran, die er im April vergangenen Jahres im Rahmen des Online-Literaturfestivals «Viral» hielt. Das Video dazu ist noch immer online. Schneeberger spricht langsam. Macht Pausen. Und liest doch atemlos aus seinem Leben. Man versteht vielleicht nicht ganz jeden Satz und jeden Zusammenhang aufs erste Hören, vielleicht sind die Zusammenhänge auch nur für den Autor wichtig, man wird hin- und hergerüttelt zwischen den Gedanken, den Strängen, den Fetzen. Fühlt aber, wie sich eine hin- und hergerüttelte Seele wohl fühlen mag. Hin und her zwischen Christoph und Kris Kiss, zwischen Mann und Frau und irgendwo ist Noëme, zwischen, Literatur, Fotografie und Travestie.

Manchmal ist er sie. Und manchmal ist sie er. «Sie, sein langer Schatten, der Transvestit.» Schneeberger schreibt von «quer zur verspiegelten Zeit entsprungen», von «verdreht sein», von «Ineinander verdreht, das Vorher und das Nachher, das Hier und das Dort, das Jetzt und das All – das Männliche und das Weibliche». Spielerisch mischt er in die Handlung über die arbeitslose Dragqueen, die auf einer Parkbank schlafen muss, Geschichten aus der Vergangenheit - meist im Konjunktiv, was dem ganzen Geschehen eine gewisse Distanz verleiht. Eine Distanz, die Schneeberger vielleicht auch zu sich selbst hat(te). «Neon, Pink & Blue» ist ein fiktionaler Biografieroman zwischen Hier und Jetzt und Davor und irgendwo Dazwischen. «Ich wollte nur noch weg, weg, weg. Und Noëme mit Doppelpunkt auf E war das Vehikel, das unbekannte Flugobjekt. Nur schein­bar unbemannt, wie wenn das Zurückgelassene nicht mitkomme.»

Langes Suchen

Während 15 Jahren hat Schneeberger an seinen Notizen für «Neon, Pink & Blue» gearbeitet: Gedanken notiert, nach durchgetanzten Nächten, viele Texte wieder verloren, vergessen in Garderoben. Dann das Studium abgebrochen, politische Aktionen, der Weg ans Schweizer Literaturinstitut in Biel, weiter an die Hochschule der Künste Bern und schliesslich zurück nach Biel zum Verlag die Brotsuppe gefunden und somit einen Platz zum Schreiben. Denn vorher waren die Texte zu lang für ein Kunstformat und die Bilder sprengten Literaturformate, wie er selber in einem Gespräch mit der «Berner Zeitung» sagte.

Und die Gesellschaft wäre viel früher auch noch gar nicht bereit gewesen für all die schneebergischen Lebensgeschichten. Nicht nur seine eigene zwischen den Welten. Beide Grossväter, Verdingbuben. Ein unschönes Kapitel der hübschen Schweizer Geschichte. Erst seit relativ kurzer Zeit wird mehr und mehr darüber berichtet. «Bitteres Nichtwissen», wie es Schneeberger immer wieder nennt, in seinem Erstling, der ihm nach dieser langen Zeit der literarischen Auseinandersetzung nun den Schweizer Literaturpreis eingebracht hat.

 X Schneeberger «Neon, Pink & Blue» 2020, Verlag die Brotsuppe.
www.diebrotsuppe.de

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