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Vera Urweider auf der Plantage.© Bonnie Yoon

Inselpost 48

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Mindelo, 26.4.2021

 

Liebe Jelena, lieber Rafaël,

wenn ich bei einer Tasse Kaffee sitze, denke ich oft an euch. Das Schreiberinnenleben hat mich irgendwann zum Kaffeemenschen gemacht, wenn auch relativ spät, mit fünfundzwanzig, glaub ich. Und wenn ich also jeweils hier vor einem kapverdischen Kaffee sass, dann dachte ich, ich will unbedingt auf eine Kaffeeplantage. Wollte wissen, wo diese Pflanze herkommt, die ich täglich zu mir nehme. So wie ihr das in Mittel- und Südamerika gemacht hattet, vielleicht nur besucht oder auch auch mal bei der Ernte geholfen – jedenfalls findet man jetzt diesen Kaffee, von diesen Plantagen, im Kafoj in der Bieler Altstadt, in dieser Rösterei, diesem Lädeli, diesem Café eurer Mutter und ihres Partners. Oft schliesst ein Besuch dort den samstäglichen Marktgang ab. Es ist kein herkömmlicher Kaffee, den man im Kafoj findet, sondern eben Kaffee mit persönlicher Note. Selbst ausgesucht, selbst geröstet. Klein und fein.

Klein und fein ist auch das Cafe Verde in der mindelensischen Markthalle. Ich hatte es vor über einem Jahr entdeckt, als ich das erste Mal auf São Vicente war, damals, als meine Reise noch frisch und normal war. Ich lernte damals Emilia kennen, eine Polin, die (wie übrigens sehr viele Menschen hier) vor vielen Jahren der Zufall nach Mindelo verschlug. Sie führt das Café mit ihrer Freundin Evelise. Essen kann man, was der Markt tagesfrisch hergibt. Und trinken kann man, neben vielen Säften und Tees, Kaffee aus Santo Antão und Fogo. Nichts Besonderes, dachte ich erst, schliesslich macht es ja Sinn, den landeseigenen Kaffee anzubieten. Und zwar ausschliesslich. Doch dann wird Emilia von der Bekannten zur Freundin und erzählt mir, wie sie den allerersten Kaffee, den sie im Cafe Verde verkauft hat, selber auf den beiden Hauptkaffeeinseln geholt hat, je einen Zwanzig­kilorucksack voll, geröstet und als reiner Kapverdenkaffee angeboten. Rein? frage ich sie. Ja, Emilia führt, soweit sie weiss, das einzige Café, das reinen Inselkaffee anbietet.

Der kapverdische Kaffee, den man hier im Laden kaufen kann, selbst der ist nicht rein kapverdisch. Die Bohnen werden gemischt mit solchen aus Brasilien, Vietnam, Honduras oder Uganda. Ich bin ernüchtert. Aber ja, einmal genauer nachgedacht, ist es leider logisch. Die Plantagen und deren Ertrag sind viel zu klein, um den gesamten Bedarf der Läden und Restaurants abzudecken. Und dann wird ja auch noch exportiert. Sogar Starbucks hat seit zweitausendneunzehn Fogokaffee. Was da wohl sonst noch drin ist?

Der Wunsch, eine heimische Plantage zu sehen, zu sehen, wo genau Emilias und Evelises Kaffee herkommt, wuchs. Gemeinsam besuchten wir also Toy, ihren Santo-Antão-Kaffeelieferanten. Er führt die Plantage in vierter Generation. Gerade ist Erntezeit. Die Bohnen an den Bäumen sind dunkelrot. Frauen mit blauen Säcken um die Hüften stehen unter den Bäumen oder sitzen am Boden, pflücken die Bohnen und heben die heruntergefallenen auf. Das waren die Kaffeeratten, sagt eine von ihnen. In der Nacht würden diese auf die Bäume gehen und die dunkelrote äusserste Schicht abfressen. Der Rest lande am Boden und später, nach dem Trocknen unter der kapverdischen Sonne, würden noch weitere Schichten weggepult, bis das Böhnchen dann röstbereit sei. Es ist eine knifflige und mühsame Arbeit. Bei Toy arbeiteten dieses Jahr nur noch acht Frauen. Nachwuchs gäbe es kaum, die Stadt und die weite Welt seien interessanter.

Dies sei das eine Problem, das den Ertrag kleiner mache. Das andere ist der Regen, der weniger, und die Hitze, die stärker würde. Toy spricht nicht nur für sich, sondern für alle kapverdischen Kaffeebauern. Letztes Jahr hat er nur zweihundert Kilo ernten können. Das war ganz schlimm. Dieses Jahr sei es wieder viel besser. Sein eben noch bedrückter Blick formt sich zu einem schelmischen Lächeln, als er fragt, ob ich wisse, wieso gerade sein Kaffee so besonders gut sei? Vulkanerde, jaja, aber vor allem, weil er zwischen die Kaffeebäume auch Papaya, Banane oder Avocado pflanze. Unterirdisch würden die Pflanzen kommunizieren und dem Kaffee Süsse abgeben, oberirdisch würden die grösseren Bäume dem Kaffee lebensrettenden Schatten spenden.

Ich mag Toys Geschichten. Und ich mag seinen wurzelkommunizierenden Kaffee. Vielleicht bringe ich euch ja ein Säckli fürs Kafoj mit.

Liebe Grüsse von der Insel,
Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

 

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