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Vera Urweider beim Brunnenhaus in Mindelo.© Bonnie Yoon

Inselpost 47

Während Vera Urweider auf den Kapverden in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Mindelo, 19.4.2021

Liebe Tina, lieber Pavel, lieber Ädu, lieber Samuel,

körperlich etwas überwandert, den Kopf durchgelüftet, 
bin ich zurück in Mindelo. Wie eine weitgereiste Freundin wurde ich herzlich empfangen, dabei war ich bloss eine Woche auf der Nachbarinsel Santo Antão. Ich merke, wie das Brunnenhaus mir zu einem Zuhause wird.

Neue Gesichter sind angereist, denn vorgestern war Juliettes Geburtstag und die offizielle Eröffnung des Hauses, samt Fotoausstellung und Anwesenheit des Architekten. Dass dieses Fest nicht langweilig werden würde, davon ging ich aus. Dass ich aber mit Brunnenhausarchitekt Michael, dessen Frau Barbara und Juliettes Sohn Elias gleich drei höchst interessante Gesprächspartner kennenlernen durfte, das war eine wunderbare Überraschung. Neben der kreolischen Kultur, in welche ich tiefer und tiefer eintauche, sind europäische Begegnungen dieser Art mit ein Grund, warum auch nach 14 Monaten auf den Inseln das Heimweh noch immer nicht überhandnimmt. Und natürlich der Greyerzer, den Elias mitgebracht hat.

Michael reist gerne. Nimmt spannende Gelegenheiten an, liebt Neues. So sagte er auch nicht nein, als er durch Juliette die Möglichkeit sah, die Kapverden zu entdecken. Er erzählt viel über das Haus. Dass die Strassenseite mit ihren abwechselnden Schiefheiten das verspielte Mindelo wiedergeben soll; die Balkone im Innenhof (der auch in einem modern-kapverdischen Haus samt grosser Gemeinschaftsküche niemals fehlen darf), die terrassierten Plantagen Santo Antãos. Wie passend, denke ich, dass ich gerade von ebendiesen herkomme. Er arbeitet gerne mit klaren Formen, abstrahiert Ideen aus dem realen Leben. Etwas, das er vielleicht aus der Zeit im Studio Libeskind mitgenommen hat. Fünf Jahre hat er für den berühmten Architekten gearbeitet, bevor er mit seinem italienischen Partner das eigene Architekturbüro «Heim Balp» in Berlin gründete.

Dass ich ausgerechnet mitten in einer weltweiten Pandemie auf einer kleinen afrikanischen Insel mitten im Atlantik im Haus einer deutschen Fotografin auf den Mann treffe, der bei «unserem» Berner Libeskind-Bau, dem Westside, den Design-Lead hatte. Dass derselbe Mann darauffolgend Projektleiter des Libeskind-Glashofes «Sukka» (abstrakt angelehnt an die hebräische Laubhütte) im Jüdischen Museum Berlin war, dem Ort, der mich 2009 zum ersten Mal in die deutsche Hauptstadt zog. Weisst du noch, lieber Ädu, wie wir gemeinsam mit meinem Vater damals zur Vernissage von Dir, lieber Pavel, fuhren? Das Apéro und die Reden fanden unter genau dieser Glas-Sukka statt. Weisst Du noch, Pavel, wie Du uns danach Dein Berlin gezeigt hattest? Das war der Anfang unserer losen Freundschaft. Und heute, Ädu, bist auch Du Architekt.

Als wären das nicht der Verknüpfungen genug, erfahre ich, dass Barbara als Gründerin und Designerin hinter NIX steht, einem nachhaltigen Berliner Slowfashion-Modelabel. Sie macht Kleidung, die mir schon lange aufgefallen war, ohne dass ich wusste, aus wessen Feder sie stammt. Irgendwie zeitlos, klassisch, und doch leicht und frisch. Und wenn nicht gerade Krise ist, sogar in Biel erhältlich. Oder bei Dir in Zürich, liebe Tina. Barbara erzählt mir, dass die Pandemie in eurer Branche nun in den tiefen Strukturen angekommen ist. Kleine Boutiquen mussten definitiv aufgeben und für immer schliessen. Solche Nachrichten, mir zwar nicht mehr ganz fremd, betrüben mich dann jeweils wieder und ich merke, wie genau solche Dinge mich - unter anderem – davon abhalten, nach Hause zu fahren. Es wird wohl vieles nicht mehr so sein, wie ich es verlassen hatte. So manches wird nicht mehr sein. Manchmal schüchtert mich diese Vorstellung etwas ein.

Doch etwas bleibt auch über die Krise bestehen und darauf freue ich mich besonders: Meine Heimnatur rund um Biel. Der See. Die Reben. Die Felder. Die Wälder. Die Hügel. Die Aussichten. Die Taubenlochschlucht. Die Twannbachschlucht. Und ja, nochmals eine Verknüpfung und ausgerechnet im Dürrenmattjahr, lieber Samuel, Elias ist Rhetorikprofessor. Und Dürrenmattfan. «Der Richter und sein Henker» war Stoff für seine Doktorarbeit, irgendwann gibt es ein Buch daraus. Aber davor, davor will er mich vielleicht in Biel besuchen und die Twannbachschlucht abwandern.

Liebe Grüsse von der Insel,
Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf den Kapverdischen in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

 

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