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Vera Urweider denkt an die starken Frauen in ihrem Leben. © Vera Urweider

Inselpost 42

Während Vera Urweider auf den Kapverden in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Mindelo, 8.3.2o21

Liebe Jana, liebe Nicoletta, liebe Ondine, liebe Franziska, liebe Anna, liebe Seraina, liebe Marguerite, liebe Miriam, liebe Bignia, liebe Güzin,

es ist alles so durcheinander gerade hier in meinem mindelschen Leben, Fuss fassen hier ist viel schwieriger, als es drüben auf Sal war. Ich weiss nicht, ob es an den vielen oberflächlichen Bekanntschaften liegt, die man unweigerlich macht, wenn man in der Marina lebt. All diese Segler, die, sobald man die Namen weiss, einfach wieder weiterziehen. All diese Nummern, die man doch eh nie wieder anrufen wird. Tschüss, auf ins nächste Abenteuer, und Du bleibst zurück und winkst.

Das ist einer der Gründe, warum ich nicht mehr auf dem Schiff wohne. Ich brauchte Ruhe. Einen Raum, in welchem ich mich konzentrieren kann. Und wo es auch nicht immer so stürmisch schwankt. Drei Meter hoch seien die Wellen draussen auf offener See. In der Bucht zieht und drückt der unzähmbare Wind das Schiff derart hin und her, dass ich nicht mal mehr richtig schlafen konnte. Also ab aufs Festland. Aber wohin? Und überhaupt, für wie lange? Für Kunst und Kultur kam ich doch hierher in die kapverdische Kulturhauptstadt. Und etwas davon hab ich auch bereits aufsaugen können. Doch irgendwie hab ich viel mehr Zeit auf dem Wasser als in Galerien und Theatersälen verbracht. Einen Segeltheoriekurs angefangen und von der Marina Bar beobachtet, wie junge kapverdische Frauen auf Booten älterer weisser Männer verschwanden. Sie strahlen selten, wenn sie wieder über den Steg Richtung Ausgang gehen.

Ich denke an Betty. Meine erste und einzige wirkliche kapverdische Freundin - nach einem ganzen Jahr in diesem Land. Es ist schwierig, aus ersten Begegnungen tiefere Beziehungen und Vertrauen aufzubauen, vor allem als Frau mit Frauen. Zum einen fühlte ich schon fast Verachtung, wir kommen her und haben viel mehr und nehmen ihnen auch noch die Männer weg. Oder es ist genau das Gegenteil, eine Art Scham vielleicht, ein zu grosses Ungleichgewicht, in den ärmsten Regionen. Unsicherheit.

Bei Betty ist das anders. Sie lässt sich beispielsweise aus Prinzip nicht in die Marina Bar einladen, da sie nicht fälschlicherweise in den Topf der stundenweisen Schiffsbesucherinnen gesteckt werden will. Sie lässt sich auch sonst nicht gerne einladen. Im Gegenteil. Es ist schon fast ein sonntägliches Ritual geworden, zu ihr aufs Land zu fahren, bekocht zu werden, Musik zu hören, zu tanzen, zu lachen, zu reden. Ich versuchte hier lange vergeblich über die Frauen tiefer in die kapverdische Kultur einzutauchen. Über sie als Säulen der Familien, nämlich. Während die Männer grösstenteils draussen ihrer Arbeit nachgehen und oft so tun, als hätten sie das Sagen, sind es tatsächlich die Frauen, die die Familien zusammenhalten, organisieren, strukturieren.

Als ich vorhin von Betty zurück in mein neues Zuhause gekommen bin, fiel mir plötzlich auf, dass es ja achter März ist. Dass ja meine ganzen Gedanken zur Rolle der Frau derart zu diesem heutigen internationalen Frauentag passen. Ich erinnere mich an meinen Instagram-Post vor genau einem Jahr. Ich schrieb von Artikeln, Fäusten, Kämpfen, Neins, Protesten, Schreien, Unterschriften, Wut, Zeigefingern, Demonstrationen und Diskussionen, die wir noch bewältigen müssen, um Gleichheit zu erlangen. Und ich erinnere mich an die Sizilianerin Alessia, mit der ich kurz gemeinsam reiste und die mir von ihrer Schwester erzählte, die sich in der tiefkatholischen Familie entschied, zum Mann zu werden, der, sie eigentlich schon immer war.

Ich denke an den gestrigen politischen Schlag ins Gesicht, der, einem – zwar kleinen, aber dennoch – Anteil von Frauen verbieten wird, sich so anzuziehen, wie sie es vielleicht wollen. Ich denke an die physischen Schläge, die zwei meiner Freundinnen drüben auf Sal von ihren Männern über sich ergehen lassen und dabei glauben, das sei Liebe. Ich denke daran, dass Frauen in der Schweiz erst seit fünfzig Jahren offiziell mitreden dürfen, im Kanton Appenzell sogar erst fast so lange, wie meine kleine Schwester alt ist. Ich denke an die kürzlich erschienene Studie der «annabelle», die aufzeigte, wie ungleichgewichtig wir noch immer gegeneinander leben. Und ich denke auch an euch, die ihr so starke Frauen seid und unbeirrt weiterschreitet in euren Tun.

Liebe Grüsse von der Insel,

Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf en Kapverden in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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