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Inselpost-Kolumnistin Vera Urweider hat den Canyon im Blick.© Vadu Silva

Inselpost 37

Während Vera Urweider auf den Kapverden in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Tarrafal de Monte Trigo, 1.2.2021

Lieber Simon,

gestern Morgen wurde ich von einem sterbenden Schwein geweckt. Es war sehr früh und das Tier schrie und schrie, laut und leidend, bis es ganz plötzlich ganz still war. Ich hab noch nie ein Schwein sterben hören, aber in diesem Moment war ich so sicher, dass es geschlachtet wird. Bist Du eigentlich noch Vegetarier? Hier auf den Inseln kennt man sowas nicht. Hier ist man froh, kann man Tiere halten, die einem Essen geben und halt irgendwann auch selber Essen werden.

Inselpostvideofilmer Vadu und ich sind mittlerweile am westlichsten Punkt der Kapverden angelangt. Tarrafal de Monte Trigo auf Santo Antão ist ein kleines Dörfchen, das kaum besucht wird. Vor fünf Jahren noch gab es hier nicht mal Strom. Geschweige denn irgendeine Internetverbindung. Die Strasse war noch löchriger Landweg, daher die Zufahrt mühsam und stundenlang, über einen Pass mit kaltem Wind und pinken Strauchblumen am höchsten Punkt, dem Miradouro de Campo Redondo. Einheimische nahmen oftmals lieber das Boot, um vom Inselhauptort Porto Novo hierher zu gelangen. Noch heute braucht man für die 27 Kilometer gute zwei Stunden Autofahrt. Will man weiter, von Tarrafal nach Monte Trigo, ist es noch immer das Boot. Fünfundvierzig Minuten. Aber nur, wenn es das Meer zulässt. Oder zu Fuss über den Berg. Vier Stunden. Dies lockt ein paar verrückte Wanderer an. Vor allem Franzosen.

Und es lockte auch uns an, denn wir wollten hier unbedingt einige Videoaufnahmen und Fotos machen, gibt es doch noch nicht so viel Material im Netz wie beispielsweise von Vadus Heimat- und meiner Isolationsinsel Sal. Doch auf der anderen Seite der Insel, wo wir zuvor waren, da musste Vadu einen grossen Verlust hinnehmen. Ein paar Tage zuvor mieteten wir uns ein Auto und Nuno, unser Gastgeber in Paúl, fuhr mit uns ganz in den Norden der Insel, nach Cruzinha de Garça. Bereits der Weg dahin faszinierte. Plötzlich befanden wir uns in einem riesigen Canyon. Wie mächtig hier die Talwände waren! Welch unglaubliche Formen die kantigen Grate in den Himmel zeichneten. Wie steinig es hier war und gar nicht so typisch Santo Antão-grün.

Cruzinha hingegen ist ein Fischerdorf am Meer unten. Auch nicht ganz sooo zugänglich, doch immerhin, die Strasse ist zwar lang, aber gut. Cruzinha ist auch einer der bekanntesten Start-, End- und Zwischenwanderpunkte. Sei es auf dem Höhenwanderweg der steilen Küste entlang von oder nach Ponta do Sol, durchs unglaublich gelegene bunte und terrassierte Berggratdorf Fontainhas - der Legende nach wurde dies zu kapverdischen Urzeiten von Piraten erbaut, vom Meer her kommend und ganz ohne Landzugang -, dieser Weg ist mit vom allerbekanntesten auf der Insel. Oder dann in die andere Richtung, ins Inselinnere.

Cruzinha selber ist klein, aber hübsch, und das Licht fällt malerisch zwischen den Felswänden ins Meer. Du, lieber Simon, selber auch Filmer, verstehst sicherlich, dass Vadu da seine Drohne steigen lassen wollte. Ein Fehler. Ein heftiger Windstoss knallte das filmende Heliköpterchen gegen einen Felsen und liess es für immer und ewig im Atlantik verschwinden. Gut sechshundert Euro gingen baden. Wenn man bedenkt, dass der Durchschnittsmonatslohn auf Santiago oder São Vicente gerade mal 150 Euro ist, auf Sal kommt man vielleicht auf 250, aber auch nur mit siebentagediewochezehnstundentäglich, dann kann man verstehen, dass Vadu seit diesem Moment unglücklich ist. Nicht nur, weil es wieder so unglaublich lange dauern wird, bis er die nötige Summe zusammensparen kann, auch nicht nur, weil wir in dem unberührten Tarrafal de Monte Trigo keine Drohnenaufnahmen machen konnten, sondern vor allem, weil er schon gebuchte Aufträge zu Videoaufnahmen, natürlich mit Drohne, verlieren, also wieder weniger Einnahmen haben wird.

Wir geniessen zwar das liebenswürdige Tarrafal, aber ab und an ist die Stimmung etwas getrübt. Meistens dann natürlich, wenn wir auf drohnentaugliche Stellen treffen, und jene gäbe es hier genug. Und während wir eigentlich an einem Crowdfunding für unser Video­projekt hirnen, denke ich, müssen wir wohl erst mal eines für eine neue Drohne starten. Irgendwie begreife ich immer mehr, wie sehr dies Vadus Lebensgrundlage ist. Und der Wind hat sie einfach versenkt.

An was filmst Du zurzeit?

Liebe Grüsse von der Wanderinsel,

Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf den Kapverdischen in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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