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Vera Urweider trifft auf Leute aus ihrer Heimat.© Matthias Doelitzsch

Inselpost 35

Während Vera Urweider auf den Kapverden in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Mindelo, 18.1.2021

Liebe Sabine, lieber Zoltan, lieber Peter,

erinnert ihr euch, wie wir im November über den Fisch­markt schlenderten, Gemüse und Früchte kauften, oft im Casa Café Mindelo sassen und ich euch das, was ich bereits über Mindelo wusste, erzählte und erklärte und dass ich ja vielleicht vorhatte, im Dezember nochmals für länger herzukommen? Es war kurz vor eurer Atlantiküberfahrt, die ihr, liebe Sabine, lieber Zoltan, auf eurem Katamaran lebend, und Du, lieber Peter, als Gast einen Bubentraum erfüllend, vorhattet. Ich hab in Brief Nummer 30 über uns geschrieben - ich weiß gar nicht, ob ihr den schon gesehen habt?

Nun bin ich tatsächlich wieder hier, seit zwanzig Tagen. Genau an meinem Ankunftstag, dem 30. Dezember, schriebst Du, Peter, mir aus dem Nichts, Du seist gut wieder zu Hause angekommen und hättest über die Bielconnection erfahren, dass ich über Weihnachten und Neujahr einfach dageblieben sei. Diese Nachricht und der Blick auf die Marine mit all ihren Segelbooten, all das hat mich natürlich sofort wieder an unsere gemeinsamen Mindelo-Tage erinnert, und so schlenderte ich diesmal alleine über Fisch- und Fruchtmarkt und weiter in einen Supermarkt, und hörte auf einmal Schweizerdeutsch.

Ich zuckte leicht zusammen und war gerade gar nicht in Stimmung, mich zu erkennen zu geben. Irgendwie – ich hatte ja schon Besuch von Selvi und Mirjam aus der Schweiz und Kitefreund Ricardo brachte mir Lindtschokolade mit von seinem Münchenbesuch – irgendwie war das gerade genug Schweiz hier auf den Kapverden. Ich dachte kurz: «Huch, kommen da jetzt alle ins warme Winter­quartier?» Ich trottete also weiter, wusste plötzlich gar nicht mehr so genau, was ich kaufen wollte und verliess schliesslich den Laden mit leeren Händen.

Später wusste ich wieder, was ich eigentlich wollte - ein Getränk und Chips - und auf dem langen Steg der Marine den Sonnenuntergang geniessen. Alleine. Mein Gesicht zum Gesichtsberg gewandt, zum Monte Cara. Doch blieb ich mitten auf dem Steg stehen. Angezogen von der Schweizerfahne, stellte ich mich kurz auf die Zehenspitzen, da tauchte auch schon ein Kopf aus dem einem Loch, «hi», sagte der Kopf und «hallo» sagte ich und - jetzt hatte ich mich doch verraten. Es waren tatsächlich dieselben Schweizer. Ein kurzes Pläuschchen, und schwupps, war ich auf dem Schiff «The Voice» zum Apéro eingeladen. Zum Glück geht die Sonne auch ohne mich unter.

Ob ich da diese Journalistin sei, die schon so lange hier festhänge und diese Inselbriefe schreibe, fragte mich Evelyn. Das war ein so schräger Moment. Da schreibe ich ja wirklich nun schon seit neun Monaten wöchentlich einen Brief an weit entfernte Lesende, zwar mit viel Reaktionen, doch ohne jeglichen Menschenkontakt, und dann, dann ist da auf einmal einfach so eine Hampfele Thuner, die das alles gelesen haben, sie sitzen mir gegenüber und haben zum Glück so viele Fragen, denn ich wäre von selbst sprachlos geblieben. Auch Christof, dem die Bennetau 57 gehört und der noch am Spaghetti Kochen war, kam später mit dem heissen Topf und derselben Frage an Deck.

Drei Monate ist das Kernteam - Christof und das befreundete Paar Evelyn und Thomas - zusammen unterwegs und bloggt, so wie ihr ja auch, über ihre Reise. Gar über unsere Begegnung. Die klassische Route hin, Kanaren, Kapverden, Karibik, die anspruchsvollere nördlichere Tour zurück. Davor hat Evelyn etwas Respekt, denn sie ist eigentlich Berg- und Höhlenmenschin, ihr Mann Thomas ist der leidenschaftliche und erfahrene Segler. Ich lernte an diesem Abend auch noch Evelyns und Thomas’ Söhne Micha und Silas kennen und Evelyns Bruder, noch ein Thomas. Evelyn ist Clownin, unter anderem in Altersheimen, und betont die nächsten Tage immer wieder, wie froh sie sei, diese Reise genau jetzt zu machen. Denn in der Schweiz, da fällt sie ja unter die lahmgelegten Kunstschaffenden. Sie ist frustriert und traurig. Wir verstehen uns prächtig und ich bin froh, hab ich nach dem heimlichen Aus-dem-Laden-Schleichen eine zweite Chance bekommen. Und damit das Heimweh nicht doch irgendwann hochkochen würde, haben sie mir etwas Bündnerfleisch, Greyerzer- und Aletschgletscherkäse dagelassen.

Liebe Grüsse von der Insel,
Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf en Kapverden in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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