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Von der «Inselpost» zu den Inselfilmchen: Vera Urweider steht nun vor der Kamera.© Vadu Silva

Inselpost 33

Während Vera Urweider auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

 

Santa Maria, 14.12.2020

Liebe Sarah,

vor genau 244 Tagen oder ziemlich genau acht Monaten schickte ich Dir meine erste «Inselpost» in die Redaktion. Es war der 15. April, ich war bereits seit vier Wochen in meiner Insolation auf Sal, einer Insel mitten im Atlantik, abgeschottet, umgeben von Wind, Wasser und Wellen, Salz, Sand und Sonne. Ich würde wohl ein Weilchen dableiben müssen, war mein erster Gedanke, zum Glück bin ich ja Journalistin und Autorin; habe auch meine Kamera dabei, mein zweiter Gedanke; ok, dann will ich jetzt von hier aus schreiben, der dritte Gedanke, doch für wen und was genau, ich kenne ja noch nichts hier, am liebsten eine Serie, erstmal meine Gefühle ordnen und so, was macht das mit mir, hier allein, weit weg von zu Hause, keine Ahnung, was da gerade passiert, wie kann ich das bündeln, ich brauche ein Gefäss – und in all die vielen wirren Überlegungen damals kamen Deine Zeilen: Möchtest Du einen Brief für uns schreiben? Einen Brief von einem Ort mit null Corona-Fällen?

Zack. Genau das will ich. Einen Brief schreiben. Ja. Nein. Mehrere. Sagte ich. Ein Telefongespräch später war die Idee geboren. Es ging alles ganz schnell, Thomas hatte die spontane Idee mit den Bildern, schreibend am Strand, Lieblingsshirt übergestülpt, Serie geknipst, einen Titel mussten wir noch haben - «Inselpost».

Wir rechneten mit sechs bis acht wöchentlichen Briefen. Überschaubar. Einen Versuch ist es wert. Danach würde es Sommer und ich würde nach Hause gehen. Es wurde Sommer, die kapverdischen Grenzen blieben geschlossen, ich hab Freunde und eine neue Wohnung gefunden, ging nicht nach Hause, schrieb weiter und weiter und jetzt, nach dreiunddreissig Briefen, nach anfänglichem Zurechtfinden im Frühling, nach sommerlichen Geburtstags-, Schildkröten-, Tauch-, Musik- oder Harpunefischenerzählungen, nach herbstlichem Nichtweiterwissen, nach neuen und anderen Bildern (nur das Shirt blieb), nach so vielen Antwortbriefen von Zuhausegebliebenen - nach all dem ist dies der letzte Brief, der gleich in Deinem Mailaccount landen wird. Übrigens sind wir hier auf Sal heute offiziell wieder auf null Fällen.

Nein. Ich höre nicht auf zu schreiben. Ich reise auch nicht auf zu teurem und kompliziertem Weg nach Hause, wo keine Arbeit auf mich wartet. Ich bleibe, und die «Inselpost» geht weiter, irgendwann, nach der Weihnachts- und Neujahrspause. Du aber, liebe Sarah, Du gehst. Du ziehst weiter. Viele Jahre hast Du die Redaktion der «Kulturagenda» geleitet, fast drei Jahre, oder genau 980 Tage durfte ich mit Dir zusammenarbeiten. Als Freie Autorin begegnete ich in Dir stets einer nahbaren, verständnisvollen und hochprofessionellen Partnerin. Ich glaube, es bildete sich auch eine kleine Freundschaft. Du vertrautest mir schnell, liessest mir viele Freiheiten, sowohl sprachlich wie auch thematisch, was schliesslich - für mich als Tüpfli auf dem i - in die «Inselpost» mündete, die ohne Dich so nie hätte stattfinden können. Und zu etwas Eigenständigem, für mich noch immer Erstaunendem hat wachsen können.

Und sie wächst im Januar mit Brief Nummer 34 dann nicht nur weiter und weiter, sondern sie transformiert sich auch. Gemeinsam mit dem Filmer Vadu versuche ich neue Schritte zu gehen, von der «Inselpost» zu den Inselvideos. Vadu gehört zum Künstlerkollektiv Vadis Crazy aus Brief Nummer 12 und ist der Sohn von Victor aus Strassenkulturprojektbrief Nummer 20. Ich habe in ihm, in Vadu, einen Freund und sehr talentierten Filmer gefunden. Wir filmen und editieren auf Hochtouren und wollen die einmonatige Briefschreibpause mit Videos füllen. Wollen warme Bilder in die kalte Schweiz bringen. Wir spinnen ein bisschen. Das kann man gut mit Vadu, das ist toll. Zu jedem Brief soll es einen Clip geben. Er filmt, ich lese. Ich lese, er filmt. Und wer ab kommender Woche dabei sein und die Videos sehen will, der kann mir eine Mail schreiben und ich pack ihn auf die Verteilerliste. Natürlich wirst auch Du, liebe Sarah, auf dieser Liste sein, solange Du willst.

Ich trage nun ein Tränchen in mir, kurz vor dem Aus-dem-Auge-Quillen. Und sage: Danke Sarah!

Herzlich von der Insel,
Vera

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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