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Vera Urweider entdeckt die kulturelle Vielfalt von Mindelo auf São Vicente: Hinter ihr die die Morna-Sängerin Cesária Évora.© Lenisse Gomes

Inselpost 29

Während Vera Urweider auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Santa Maria, 16.11.2020

Lieber Victor, liebe Céline,

gerade kann ich kaum sagen, ob das Durcheinander im Kopf oder das im Herz grösser ist. Nach sehr langer örtlicher Unbeweglichkeit und manchmal daraus folgender Lethargie des Geistes geschieht zurzeit gefühlt alles miteinander. Also. Wo beginnen?

Im Jetzt. Ich sitze in einer Bar, Mitternacht passé, ein Duo aus Gitarre und Cajon spielt kapverdische Lieder, einige Menschen tanzen, viele lachen, andere essen, trinken, plaudern. Ich beobachte. Schreibe an diesem Brief an euch. Langsam und müde, weil da eben so viel zuvorderst sein will, in den Fingern und auf dem Blatt. Ich versuche zu sortieren. Nachdem ich heute stundenlang durch kleine Gässchen und Strässchen Hügel auf und ab geschwitzt bin, eine Kunstgalerie besucht habe, eigentlich noch ins Museum für Handwerkskunst wollte, völlig überfordert mich jedoch dem Trubel dieser Grossstadt hingab - Autos, Menschen, grosse Busse, grosse (Kolonial-)Häuser - eine Menschenmasse beobachtete, wie sie einem Strassenkünstler zuguckt, mich ob einer neuen Anonymität gleichzeitig freue und fremde; sitze ich nun hier, in dieser Bar, die ich vom Februar her kannte, als ich noch auf meiner normalen Durchreise war, und die so in meiner heutigen Überforderung ein kleiner Ankerpunkt ist.

Mindelo auf São Vicente, eine Stadt mit knapp 80 000 Einwohnern. Hinter fast jeder Ecke steckt etwas, worüber man mehr erfahren möchte. Hier ist seit Beginn der Dampfschifffahrt schlicht DER Schnittpunkt zwischen Europa, Afrika und Übersee. Früher Handel und Kohleindustrie, heute vor allem Kraft tankende Segler. Im 19. Jahrhundert wurde eine Schaltstation für das erste transatlantische Telegrafenkabel eingerichtet, später war Mindelo gar die bedeutendste Kabelstation im Atlantik und 2003 war sie Kulturhauptstadt der portugiesischsprachigen Länder. Zahlreiche Schriftsteller, Poeten oder der grösste kulturelle Export Kapverdens überhaupt stammten von hier: Die Morna-Sängerin Cesária Évora. Das ist definitiv etwas anderes als ein Örtchen, das vor 30 Jahren, vor dem Tourismusboom, noch ein Fischerdorf mit ein paar hundert Einwohnern war. Vor genau acht Monaten bin ich auf Sal stecken geblieben. Seit da war ich kurz auf Boa Vista, was noch verlassener schien. Und jetzt, jetzt bin ich in einer Stadt voller Kultur, Architektur, Seehandel, Geschichte, kulinarischen Highlights - es ist die totale Reizüberflutung!

Irgendwie versuchte ich heute all das auf einmal aufzuholen, einzusaugen, was ich seit Februar nicht mehr hatte. Wie nach langem, offensichtlich erfolglosem, Entzug. Nun sitz ich hier und muss innerlich über mich selbst lachen. Dass ich das anscheinend so brauchte, einerseits. Und dass ich das gerade so gar nicht mehr verdauen kann, andererseits. Ob das wohl wieder kommt? Vielleicht fühlt ihr euch irgendwann ganz ähnlich, wenn man in Bern dann wieder Kultur erfahren und erleben kann. Lieber Victor, welchen Film wirst Du als erstes schauen gehen? Liebe Céline, in welche Ausstellung wirst Du eintauchen? Ob welchem Konzert oder Theater würdet ihr euch jetzt gerade freuen, wenn es denn welche gäbe?

Mein Besuch hier ist ein Test. Ob ich vielleicht im Dezember etwas länger herkommen möchte? Ich habe zwar vor kurzem auf Sal ein neues Projekt angefangen, doch seit letztem Mittwoch weiss ich auch, dass ich wohl Ende des Monats aus meiner liebgewonnenen Wohnung in Santa Maria raus soll. Vielleicht ein Moment also, eine grössere Änderung vorzunehmen? Es ist spannend zu beobachten, was eine so lange Isolation mit mir macht. Ich konnte nicht reisen, also reiste ich nicht. Und nun hatte ich mich mit dem Nichtreisen so sehr eingerichtet, dass ich nicht mal mehr wusste, was ich für einen einwöchigen Inselsprung einpacken soll. Allein der Gedanke, einen anderen Ort, neue Bekanntschaften, zu entdecken, ermüdete mich. Auch da schon lachte ich über mich selber, schüttelte den Kopf und buchte, fünf Stunden bevor das Schiff ablegte.

Liebe Grüsse von der Kulturinsel,
Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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