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Auch auf den Kapverden denkt Vera Urweider an ihre Heimat und die Wahlen in Biel.© Ribanna Dittrich

Inselpost 21

Während Vera Urweider auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Santa Maria, 21.9.2020

Liebe Anna, liebe Lena, lieber Sijian, lieber Mätthu,
liebe Ruth, lieber Titus, lieber Dennis, lieber Schüppi, lieber Erich, liebe Barbara, liebe Silvia, liebe Nicoletta, liebe Catherine, lieber Parzi,

in einer Woche sind die Wahlen in Biel schon vorbei. Ihr werdet dann lachen oder weinen, euch freuen oder ärgern, es genau gewusst haben oder überrascht sein. Ich bin nun seit über sieben Monaten weg von Biel, weg von zuhause, weg von da, wo ihr mich in ein gedankliches Wanken gebracht hattet.

Gut ein Jahr ist es nun her, als mich der Sieg des Schreibwettbewerbs für die Präambel der neuen Bieler Stadtordnung in ein neues Leben katapultiert hatte. Sowohl beruflich wie auch politisch. Gleichzeitig zum täglichen Walser-Theater auf dem Bahnhofsplatz war dies eine riesen Herausforderung und eine riesen Chance. Jene von euch, und natürlich viele andere, die mich vorhin noch nicht kannten, wussten jetzt von mir. Schweizweit. Viele andere kannten meinen (Nach-)Namen von meinen Artikeln oder Musik- und Theaterprojekten oder auch durch den schreibenden Vater und Bruder, doch plötzlich war ich eine öffentliche Person, die man einfach so ansprechen konnte auf der Strasse, in der Bar. Tagtäglich. Überall. Mein Leben wurde schneller und schneller, ich wurde ins Radio- und Fernsehstudio eingeladen, für Zeitungen interviewt, ein Statement hier, eins da, und landete schliesslich als eine von Biels aktiven Personen in Kultur und Politik im Magazin der «NZZ am Sonntag», welches erst vergangenen Juni erschien.

Das wisst ihr alle alles. Das ist mir schon bewusst. Aber ich muss es mir selber immer wieder vor Augen führen, was damals eigentlich passiert war. Und ganz verstehen kann ich es glaub ich noch immer nicht. Es war und ist noch immer surreal. Vielleicht umso mehr, weil ich nun eben schon so lange gar nicht mehr in Biel bin, sondern abgekapselt auf meiner Insel im Atlantik. Und sich durch die globale Situation und unsere physische Trennung mein gedankliches Wanken auf einmal erübrigt hatte.

Kurz bevor ich im Februar losgefahren war auf meine Reise – eine Reise übrigens, die mir Entspannung bringen sollte, das zumindest hat sie geschafft – fragten die einen von euch mich an, für den Stadtrat zu kandidieren. Jetzt, wo ich doch die Präambel in der Stadtordnung stehen haben werde, biete sich das an. Ich war verwirrt. Waren es doch vier verschiedene Parteien und ich ein Leben lang parteilos. Zwar immer an der Urne, immer eine Haltung, häufig ein Abstimmungskafi-mit-Dennis in der Bieler Altstadt. Früher meine Tante im Stadtrat. Noch früherer mein Grossvater im Gemeinderat und Stadtratspräsident. Doch hatte ich politisch was zu sagen, war dies für mich stets ausserparlamentarisch. Aber irgendwie brauche ich ja Herausforderungen und Dinge, die ich noch nie gemacht habe. Die bringen mich ja weiter, die Schritte ins Unbekannte. Eure Anfragen prallten nicht spurlos an mir ab. Ich bat um beratende Gespräche mit den anderen von euch.

Und dann ging ich. In der Hoffnung, mit etwas Abstand zum schnellen Leben und den erwartungsvollen Augen, eine für mich stimmende Antwort zu finden.

Und dann blieb ich stecken. Und die Überlegungen zur stimmenden Antwort diesbezüglich versteckten sich hinter dem Zurechtfinden mit der neuen Situation, mit dem neuen Ort, den neuen Menschen, der neuen Sprache. Alles. Sie flackerten erst wieder auf, kurz bevor das Datum der Listenabgabefrist der einzelnen Parteien näher rückte. Die Hände schwitzten nochmals kurz. Sollte ich jetzt eine Spontanentscheidung machen? Grundsätzlich ja und aber mit wem? Zack! Entschieden?

Nein. Es fühlte sich falsch an. Ich habe die gesamte Corona-­Situation in Biel verpasst. Ich weiss nicht, was euch umtreibt. Ich weiss nicht, was die Menschen gerade hören wollen. Was zu tun ist. Ich kann Dinge lesen, online, erfragen, telefonisch. Aber ich kann sie nicht spüren auf diese Distanz. Und so machte es für mich zum momentanen Zeitpunkt schlicht keinen Sinn. Es wäre durchaus eine neue, nie dagewesene Herausforderung gewesen. Aber eine für mich definitiv zu ungenaue, hier, jetzt, aus der Ferne. Viel Glück euch!

Liebe Grüsse von der Insel,

Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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