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Nach dem Fischen werden die Tiere zerlegt.© Ricardo Xavier Bettencourt

Inselpost 17

Während Vera Urweider auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Santa Maria, 24.8.2020

Lieber Schläppi,

weisst Du noch, als Du mir aus dem Nichts geschrieben hast, Du hättest gerade an mich gedacht und gefragt, wie es mir gehe? Meine Antwort war kurz und bündig: lustig, ich hätte auch gerade an Dich gedacht und mich gefragt, wie es Dir wohl gehe. Ich wusste damals schon, es war im Mai und ich bereits hier auf der Insel, dass ich Dir irgendwann mal auch einen Brief schreiben würde. Nämlich einen übers Fischen. Weil Du bist mir der einzige Freund, von dem ich weiss, dass er fischt. Und darum denke ich eben oft an Dich hier, wenn ich Fisch esse, den Fischern zugucke oder sogar selber mein Glück versuche.

Mir war früh klar, dass ich den Fisch nicht nur konsumieren will, sondern auch dabei sein will, wenn er vom Tier zur Nahrung wird. Ein Prozess, den ich als Stadtkind tatsächlich nicht so kenne. Ich hab, ausser Mücken, noch nie ein Tier bewusst umgebracht. Selbst als ich als Kind mit meinen Eltern und meiner Schwester auf der wunderbaren italienischen Insel Ischia vor Napolis Küste vage Fischversuche wagte und sogar welche fing, ich liess sie immer wieder zurück ins Wasser plumpsen und davonschwimmen.

Fischen wurde nun hier dank den noch immer geschlossenen Grenzen wieder zum wohl kräftigsten Überlebensgeschäft. Sei es, um ein paar Escudos zu verdienen und sich damit Gemüse und Reis zu kaufen, oder den Fisch selbst zu essen, mit dem Gemüse und Reis von den Escudos des verkauften Fanges. Neben den Fischerrutenfischern am Strand und den Netzfischern auf den Booten, haben sich die jüngeren Männer, die sonst Surf-, Windsurf-, Kite- oder Skimboardlehrer, Tourfotografen, Guides oder Surfboardschleifer und vor allem durchtrainiert sind, das Harpunenfischen zur neuen Hauptbeschäftigung gemacht.

Mergulho, wie sie es hier nennen. Es brauchte ein Weilchen, bis ich merkte, dass das portugiesisch «Tauchen» heisst, und gar nicht Harpunenfischen an und für sich. Spezifisch dafür gibt es wohl kein kreolisches Wort. Wenn ich portugiesisch, weil Creol gibt es im Weltweitennetz ja nicht, «Harpunenfischen» nachschlage, dann finde ich «pesca de arpão». Logisch denke ich, und gleichzeitig: «Mergulho» - ausgesprochen mergulio - ist doch viel klangvoller.

Es ist aber noch viel mehr als blosse Nahrungsbesorgung. Es ist Sport. Adrenalin. Passion. Wettkampf. Und Teamwork. Keiner würde jemals alleine gehen. Obwohl sie alle mit dem Meer hier rund um die Insel aufgewachsen sind, wissen, wie die Strömungen ziehen, welche Kurve man schwimmen muss, um überhaupt wieder an Land zu kommen, ein Stück Gefahr schwimmt immer mit. Wie wenn Bergschweizer mit den Bergen aufwachsen und genau wissen, wann sie in die Wand gehen können und wann nicht: Ein Stück Gefahr klettert immer mit.

Eigentlich mögen die Jungs es nicht so gerne, wenn eine Frau, erst noch eine, die das Meer nicht so gut kennt wie sie, mitkommt. Ich kann das verstehen. Es ist unglaublich anstrengend. Und man muss dann auch noch auf eine Anfängerin aufpassen, anstatt sich auf die Fische zu konzentrieren. Doch Kitelehrer Ricardo und seine Freunde haben mich mitgenommen. Ganze fünf Stunden, etwa einen Kilometer von der Küste entfernt. Ich durfte den Eisenstab mit der halbtoten Beute halten. Das perfekte Ziel, käme da ein Hai. Kopf ausschalten. Nicht daran denken. Ich schluckte leer, als mir Ricardo dann im Sand unter uns so ein haiartiges Tier zeigte. Der fresse nur bodennahe Wirbellose, Krebstiere und so, habe kein Interesse an Fisch oder an uns. Aha. Trotzdem. Ein leichter Schauer blieb.

Später versuchte ich herauszufinden, was für ein Tier ich da überschwommen hatte. Und ich stellte fest, ich hatte unglaubliches Glück. Nicht weil der doch gefährlich gewesen wäre. Im Gegenteil. Es war ein Gitarrenfisch. Oder auch Gitarrenhai. Oder Gitarrenroche. Eine Übergangsform von Hai zu Roche: vorne breit, rochenartig mit langen Brustflossen, hinten lang, dünn, haiartig mit zwei grossen dreieckigen Rückenflossen. Vom Aussterben bedroht. Auf der roten Liste. Selten nur noch. Und ich begegne gar zweien von denen. Einfach so, per Zufall.

Liebe Grüsse von der Insel,
Fee

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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