mitgliederwerden grey iconMitglied werden
Archiv
Der erste Open Water Tauchgang: zum Wrack «Santo Antão» in 10 Meter Tiefe.© Thomas Kromer

Inselpost 16

Während Vera Urweider auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Santa Maria, 17.8.2020

Liebe Ursula, liebe Regula, liebe Barbara,

höre ich nicht ein leises Knistern, oder glaube, die Reflektionen der Sonne ertönten, bläst mein Atem durch die Stille. Ganz ruhig. Ein. Aus. Ein. Aus. Will ich weiter runter, atme ich tiefer. Versuche mehr auszuatmen, als einzuatmen. Will ich wieder etwas höher, atme ich kürzer, schneller. Ich höre also meinen Atem. Und die blubbernden Luftblasen. Ich weiss dann jeweils, dass ich noch lebe. Meistens aber vergesse ich sogar, dass ich da eigentlich gar nicht atmen kann. Ich bin unter Wasser. Obwohl ich nun bereits ein ganzes halbes Jahr auf den Kapverdischen Inseln bin, hab ich weder Flossen, noch Schuppen, noch Kiemen. Doch seit einer Woche hab ich einen Schlauch im Mund und bin plötzlich ganz leicht. Fliege.

Ich erinnere mich, Ursula, als Du und Deine drei Männer, Partner und Söhne, uns letztes Jahr im katalanischen Pals besucht hattet. Obwohl ich so oft bei euch in Berlin war und ich Dich als meine älteste von euch drei Coucousinen mein Leben lang kenne, wusste ich nicht, dass Du tauchst. Ich wusste es von eurem Onkel Viktor, der gefühlt mehr taucht als läuft, und auch euer Onkel Urs fühlte sich zeitlebens unter Wasser vielleicht gar wohler als drüber.

Irgendwie ist das Tauchen bei euch in der Familie.
In Tamariù nahmst Du Deinen ältesten Sohn Niklas mit ins Wasser. Doch selbst dann wäre es mir nie in den Sinn gekommen, mich anzuschliessen. Ich schaute zu, wie ihr euch in die Neoprenanzüge quetschtet, wie ihr nervös wart, wie ihr das Material zum Wasser schlepptet und, obwohl Niklas nach dem ersten Miniversuchstauchgang mit begeisterten Augen sagte, er dürfe dem einen Seepferdchen einen Namen geben, dachte ich bloss: Nein danke. Ich liebe Wasser, ich liebe Schwimmen, ich liebe Schnorcheln. Das reicht doch für einen Binnenlandmenschen. So viel hab ich an Land nicht gesehen, wieso sollte ich in die Tiefen des Meeres? Ja, auch Respekt vor dem Ungewissen hat mich davon abgehalten. Respekt vor dem Atmen unter Wasser. Vor der Technik, die versagen könnte. Der Dunkelheit. Dem Nichthören, was hinter mir sein könnte. Und ganz klassisch: vor allen ach so bösen Haien.

Und jetzt steh ich kurz vor meinem Open-Water-Brevet.
Ich fragte meine Tanten, ob sie tauchten. Von meinen Eltern und Geschwistern wage ich es zu wissen, dass sie es nie taten. Bei mir ist das also nicht so familiär. Nonno lehrte mich schwimmen, schnorcheln und windsurfen. Aber niemand hat mich jemals zum Tauchen mitgenommen. Ich musste stranden auf einer Insel im Atlantik. Umgeben sein von Wasser und Wasser. Täglicher Fisch. Und 34 werden. Thomas, der fast all meine Bilder zu den Briefen gemacht hat, ist Tauchlehrer und schenkte mir einen Schnuppertauchgang. Dann hat er irgendwie dafür gesorgt, dass ich den Kurs angefangen habe. Wäre ich nicht hier, würde ich ihn nicht kennen, ich hätte wohl nie getaucht. Und nun: Mein erster Bootstauchgang ging zu einem Wrack in zehn Meter Tiefe. Ein mystischer Ort. Ich sah bunte tropische Fische, Seesterne, Igelfische, Trompetenfische, Muränen, Bidiau und Garropa, die ich normalerweise auf dem Teller habe, einen Graurochen, so eine runde flatternde Platte mit Schwanz, und ganz am Boden unter dem Wrack, da war ein Ammenhai.

Einen weiteren positiven Nebeneffekt hat das Ganze auch: Die Regierung hat uns in einen dreiwöchigen, wie ich es nenne, Lockdown light geschickt. Ein kompletter Schwachsinn. Der Hauptstrand von Santa Maria ist zugänglich von 6 bis 10 Uhr früh. Danach, wenn die Surfwellen da wären, ist es verboten. Unkontrollierbare Menschenansammlungen sollen vermieden werden. Blöd nur, dass sich nun alle in diesen vier Stunden etwas Strand gönnen. Wäre es doch sinnvoller, die Strandabschnitte in Sektoren aufzuteilen und eine gewisse Anzahl Menschen pro Abschnitt zuzulassen. Na ja. Dank des Tauchens, weil das ist erlaubt, bin ich nun trotzdem ganztägig im Wasser. Ätsch.

Liebe Grüsse von der Insel,

eure Coucousine Vera

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

Inselpost 1
Inselpost 2
Inselpost 3
Inselpost 4
Inselpost 5
Inselpost 6
Inselpost 7
Inselpost 8
Inselpost 9
Inselpost 10
Inselpost 11 
Inselopst 12
Inselpost 13
Inselpost 14
Inselpost 15

Anmeldung Newsletter

Wetter in Bern

laden