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Der Berner Lorenz Pauli mit seinem neuen Erzählbuch «Ds Glück het vier Bei».© David Fürst
Hallers brasserie, Bern

«Ich bin nie aus dem Kindsein herausgewachsen»

«Ds Glück het vier Bei» heisst das neue Vorlesebuch von Lorenz Pauli. Ein Gespräch mit dem Berner Kinderbuchautor über Mut, Katzen und Mäuse, und weshalb seine Protagonist*innen so oft Tiere sind.

Lorenz Pauli, können Sie sich noch an das erste Buch erinnern, das Ihnen vorgelesen wurde?
An das erste Buch kann ich mich sicher nicht erinnern. Weil mir meine literarisch sehr bewanderte Mutter schon früh vorgelesen hat. Aber ein Buch, das für mich bis heute sehr wichtig ist und mich mit ihr verbindet, ist das Buch «Arthur mit dem langen Arm». Das sind Geschichten in Versform von Erich Kästner. Meine Mutter konnte die Verse teilweise auswendig. Auch ich kann sie heute immer noch aufsagen. Später habe ich die Geschich­ten ins Berndeutsche übersetzt und als Buch herausgegeben.

Haben Sie die Liebe zu Versen und Reimen mit diesem Buch entdeckt?
Absolut. Meine Mutter hat mich auf diesem Gebiet sozusagen trainiert. Und sie hat mir die Lust an der Sprache als Spielplatz weitergegeben.

Ihr kürzlich erschienenes Buch «Ds Glück het vier Bei» besteht nicht aus Versen, sondern aus kurzen Vorlesegeschichten. Es ist auf Schweizerdeutsch geschrieben. Sie schreiben aber auch oft in der Standardsprache. Worin liegt für Sie der Unterschied?
Mundart schreiben liegt mir einfach näher: direkt vom Herzen aufs Papier. Ich schreibe auch gerne auf Deutsch, aber es ist immer ein Übersetzen. Wie Peter Bichsel einmal sagte: Er sei froh, dass er auf Deutsch schreibe, eine Fremdsprache. So wäge er jedes Wort anders ab. Ich bin nicht immer dankbar für diese Übersetzungsleistung, die ich erbringen muss. Und ich habe auch immer ein wenig Angst vor den Helvetismen. Ich möchte nicht als Schweizer Schriftsteller abgestempelt werden.

In «Ds Glück het vier Bei» treibt Kater Kopernikus sein Unwesen in der Berner Altstadt. Die Themen, die ihn beschäftigen, sind – vielleicht abgesehen vom Futter – menschliche. Weshalb eignen sich Tiere so gut als Protagonist*innen?
Mit menschlichen Protagonist*innen schliesst man immer jemanden aus. Von einer männlichen Hauptfigur fühlen sich Mädchen nicht gleich angesprochen. Aber bei einer Maus fragt sich niemand, ob das jetzt eine männliche oder eine weib­liche Maus ist. Und auch mit einem Kater kann man sich als Mädchen identifizieren, wenn man möchte.

Sie haben zu Hause selbst zwei Katzen. Sind sie Ihren tierischen Figuren ähnlich?
Unser Kater schon. Leicht übergewichtig und sehr selbstsicher – mein Schreibtisch gehört eigentlich ihm (lacht).

Die Erlebnisse von Kopernikus haben mich beim Lesen oft zum Lachen gebracht. Aber wie wissen Sie eigentlich, ob Kinder eine Geschichte lustig finden?
Erstens bin ich selber ein sehr kindlicher Mensch. Ich bin nie aus dem Kindsein herausgewachsen. Und dann bin ich berufsgeschädigt. 25 Jahre als Kindergärtner bringen einem die Gedankenwelt der Kinder sehr nahe. Aber ich liege nicht immer richtig. Manchmal täusche ich mich. Und das ist auch gut so. Ich will ja nicht nur bedienen. Sondern ich will mehrere Schienen fahren. Am liebsten ist es mir, wenn ich es schaffe, für die Kinder zu schreiben, ohne die Erwachsenen zu langweilen.

Trauern Sie dem Kindergärtner-Dasein manchmal nach?
Jetzt müsste ich ja sagen, aber ich sage nein. Die Arbeit als Kindergärtner hat mir viel gegeben. Aber irgendwann ist auch einmal gut. In den letzten Jahren als Kindergärtner bin ich müde geworden. Man möchte nicht immer in denselben Gleisen fahren, aber kann sich selbst auch nicht neu erfinden. Das Schreiben war in diesem Moment eine Chance, um mich neu orientieren zu können.

Auf Ihrer Website schreiben Sie: «Die Kinder wachsen heute in etwas hinein, das unglaublich viel an (Schein)welten offenbart und je länger je weniger echte Erfahrungen bietet.» Dabei sind in Büchern doch auch Scheinwelten.
Ha! (lacht) Ja … Ja. Aber Scheinwelten, die man selber noch füllen muss und an denen das Kopfkino beteiligt ist. Da muss viel an Eigenleistung passieren. Das ist für mich etwas anderes, als wenn man die Kinder einfach mit pfannenfertigen Inhalten abfüllt, so Dr.-Oetker-mässig. Und eigentlich sind wir auf Scheinwelten angewiesen. Auch wir Erwachsenen. Wir brauchen das Gefühl, dass nicht alles unverrückbar ist, sondern dass es immer noch ein Törchen zu einer anderen Welt gibt.

Haben Sie eine Lieblingsfigur, die Sie bis heute begleitet?
Der Figurenkosmos um Herrn Schnippel und den kleinen Juri, Frau Asperilla, Dr. Bitter und Herrn Vogelsang ist mir sehr nah. Das begann mit einer Geschichte – meiner lustigsten, wie ich finde – «Zum Mitnehmen». Und dann hat nach und nach jede dieser Figuren aus «Zum Mitnehmen» eine eigene Geschichte bekommen. Nur Herrn Vogelsang fehlt noch eine. Dieser Kosmos ist einfach ein glaubwürdiges Biotop, mit Figuren, die ihren Charakter und ihre Konturen haben.

Wie funktioniert eigentlich die Zu­sammenarbeit mit Illustrator*innen?
Das ist unterschiedlich. Meine absolute Lieblingsillustratorin ist Kathrin Schärer. Mit ihr erlebe ich die Zusammenarbeit so intim wie mit niemandem sonst. Ich traue mich sogar, ihr eine halbfertige Geschichte zu zeigen. Nur ihr gegenüber kann ich das, bei anderen habe ich das Gefühl, ich exponiere mich zu stark. Mein Kopf­kino ist auch sehr stark ein Kathrin-
Schärer-Kopfkino. Oft sehe ich die Bilder schon beim Schreiben der Texte vor mir, die sie dann später tatsächlich so malt. Auch unser Austausch ist sehr offen und kritisch. Bei anderen Projekten ist es natürlich so, dass ich die Geschichte zuerst liefere und die Illustrationen folgen. Im schlimmsten Fall bekomme ich dann erst die fertigen Bilder oder sogar erst das fertige Buch wieder zu Gesicht. Das habe ich überhaupt nicht gern. Es gab einmal einen Fall, in dem die Bilder einer Illustratorin die Aussage des Buches ausgerechnet am Schluss stark verändert haben. Das war schade.

Vor einem Jahr haben Sie den ersten Roman herausgegeben: «Der beste Notfall der Welt». War es ein grosser Unterschied, einen Roman zu schreiben, im Gegensatz zu den kürzeren Geschichten?
Wahnsinnig. Bei einem Bilderbuch bringst du einen Gedanken von A nach B. Bei einem Roman musst du verschiedene Ebenen verflechten und einen langen Bogen spannen, der trag­fähig ist. Alleine hätte ich mir das auch nicht zugetraut. Ich hatte ein Mentorat mit Christoph Simon, der mir auf grandiose Art geholfen hat. Ohne ihn wäre das vielleicht gar nie fertig geworden. Ich bin auch eigenartig vorgegangen, habe losgeschrieben und erst danach geplant. Oft war ich zu langsam für die Geschichte. Ich habe geschrieben und geschrieben, aber bin kaum hinterhergekommen.

In vielen Ihrer Bücher kommt das Thema «Mut» vor. Sind Sie selbst ein mutiger Mensch?
Überhaupt nicht. Ich bin wirklich ein «Höseler».

Mit Auftritten und Buchpublikationen exponieren Sie sich doch.
Aber ich kann mich hinter diesen Buchdeckeln verstecken. Und wenn ich auf der Bühne stehe, bin das nicht ich selbst. Bis ich auf der Bühne stehe, habe ich Lampenfieber wie blöde. Aber kaum stehe ich dort und habe mein rotschwarzes T-Shirt an, bin ich ein Bühnentier.

Lesung: Hallers brasserie, Bern. 18.10., 18.30 Uhr

«Ds Glück het vier Bei» ist diesen Monat im Lokwort Verlag erschienen.

Dieser Text erscheint in Zusam­men­arbeit mit Journal B, dem Online-Magazin, das sagt, was Bern bewegt.

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