mitgliederwerden grey iconMitglied werden
Archiv
«Annemarie»: Mit Fotoapparat bereiste sie für ihre Recherchen ferne Länder.© Susanna Martín
Buchhandlung Stauffacher, Neuengasse 25-37, Bern

Gezeichnetes Innenleben

Stauffacher feiert sein 70-Jahr-Jubiläum mit Musik und Literatur. Die spanische Philologin María Castrejón präsentiert die Graphic Novel «Annemarie» über das bewegte Leben der Schweizer Kultautorin Annemarie Schwarzenbach.

Als Susanna Martín auf ein Schwarz-Weiss-Porträt Annemarie Schwarzenbachs stiess, liess sie das Gesicht nicht mehr los. Die Illustratorin begann, Recherchen über die Schweizer Schriftstellerin, Reporterin und Fotografin anzustellen. Kurz darauf bat sie ihre Freundin, die Philologin und Gender-Expertin María Castrejón, ein Skript für eine biografische Graphic Novel über Schwarzenbach zu schreiben – und steckte ihre Freundin mit der Begeisterung an. «Es kommt mir vor, als stehle Annemarie Schwarzenbach noch heute Herzen, wie sie es zu Lebzeiten tat», sagt Castrejón. So kommt es, dass zwei Spanierinnen ein biografisches Buch über die Schweizer Kultfigur verfassten.

Herausgekommen ist ein Comic, der nicht nur davon erzählt, wie die 1908 geborene Schwarzenbach mit ihren Geschwistern in einem wohlhabenden Hause bei Zürich aufwuchs, in Paris studierte und Persien oder den Kongo bereiste und dabei fotografisch sowie schriftlich ihre Begegnungen und Eindrücke festhielt. Vielmehr zeigt «Annemarie» eine Figur mit komplexem Innenleben, eine von Anfang an selbstbewusste und intellektuelle, aber auch geplagte junge Frau. Da ist das zwiespältige Verhältnis zu ihrer mit den Nazis sympathisierenden Mutter Renée, ihre Liebe zu Frauen, ihre Drogensucht und zwei Selbstmordversuche. Von grosser Intensität ist etwa die Szene, die illustriert, wie sie 1932, mit 24 Jahren, in Berlin erstmals Morphium nimmt.

Flucht vor Etiketten

Je nach Lebensphase, in der sich Schwarzenbach befindet, sind die Comic-Illustrationen mal ganz verwischt und abstrakt im Stil, dann wieder tragen die Figuren kantige Züge. «Damit wollten wir Annemaries jeweiliges Befinden zum Ausdruck bringen», so Castrejón. Manchen Zeichnungen von Martín dienten echte Fotografien als Vorlage, andere wie solche, die ihre Reisen in ferne Länder zeigen, seien von Schwarzenbachs lebhaften Beschreibungen inspiriert.

Castrejóns Interesse an Schwarzenbach beschränkt sich nicht nur auf ihre literarische Seite. «Annemarie war ein Mensch, den wir durch sein Auftreten, seine Flucht vor Etiketten, und das Ausleben der Sexualität heute als queer bezeichnen würden», so Castrejón, die auf LGBTQ-Literatur spezialisiert ist. «Ausserdem zieht sie mich durch ihre Persönlichkeit an, da ich selbst manchmal mit ähnlichen psychischen Problemen kämpfe.»

Für die Recherchen reisten Castrejón und Martín auch in die Schweiz. Sie gingen zu Schwarzenbachs Elternhaus, in die Schule, die sie besuchte oder zur Textilfabrik ihres Vaters. Und schliesslich auch an den Ort, an dem Annemarie Schwarzenbach 1942 mit dem Velo verunfallte. Von ihrem Sturz erholte sie sich nie. Sie verstarb kurz darauf im Alter von 34 Jahren.

Events zu diesem Artikel

Keine Veranstaltungen

Folgen Sie uns

Anmeldung Newsletter

Wetter in Bern

laden