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De l‘Horizons autofiktionales Ich nimmt die Spur dessen auf, was nie zur Sprache kam. © Florian Spring

Gewebe aus Text und Körper

Mit «Blutbuch» erschreibt Kim de l’Horizon ein non-binäres Körper-Ich und eine Mütter-Genealogie. Der autofiktionale Roman ist für den Deutschen Buchpreis nominiert.

«In der Zeit, über die ich schreibe, habe ich noch keinen Körper. (...) Es gab mein Rennen, aber es gab keine Beine; es gab den Wind, den mensch beim Rennen spürt, aber kein Gesicht und keinen Nacken, die diesen Wind fühlen können; es gab die jauchzende Freude, die das Rennen auslöst, nicht aber den Bauch, in dem sich das Jauchzen kräuselt. Körper, das hatten die anderen.» Die (Nicht)erinnerung an die körperlose Kindheit, aber auch an die übermächtigen Hände und die verschlingenden Münder der weiblichen Verwandten steht am Beginn von Kim de l’Horizons Erzählung.

Das Kind und die «Truckli»

In der Jetztzeit des Romans ist Erzähler*in Kim mittlerweile 26 Jahre alt und sitzt am Schreibtisch. Von hier aus kehrt Kim schreibend zurück zum eigenen, vergessenen Kindsein im Haus der Mutter und der Grossmutter, der «Meer» und der «Grossmeer», wie es im französisch-aristokratisch geprägten Berndeutschen heisst. Die Sprache, die die Frauen das «Kind» von einst lehrten.

Im Roman «Blutbuch» nimmt Kim de l’Horizons autofiktionales Ich die Spur dessen auf, was eben nicht zur Sprache kam und was Kim gerade deshalb bis heute im Bann gefangen hält: die verschwiegenen Verletzungen und Traumata der Mütter der Familie. Eine Blutbuche im Garten der kleinbürger­lichen Ostermundiger Kindheit steht für dieses Unbenennbare, so wie auch die vielen leeren «Truckli» der «Grossmeer» und deren Garderobe, gefüllt mit Mädchenkleidern. Und immer wieder verlässt Kim den Schreibtisch für Dates der Datingplattform «Grindr» auf Toiletten, im Wald, in Wohnungen an der Peripherie Zürichs, um die innere Leere mit Sperma fremder Männer zu füllen.

Das alles kann Kim de l’Horizon mit den Müttern nur über den Abstand des Schreibens, in der Form eines fiktiven Briefs an die «Grossmeer» teilen, die just ihre eigene Erinnerung an die Demenz verliert. Zu gross ist vermutlich die intergenerationale Sprachlosigkeit der Familie, das Schweigen der Mütter, die dem Kind ihre eigenen Leerstellen weitergeben.

Traumata und sexuelles Begehren

Mehr als zehn Jahre schrieb Kim de l’Horizon, Absolvent*in des Literaturinstituts in Biel und ehemalige*r Hausautor*in bei Bühnen Bern, am «Blutbuch». So lange dauerte der Prozess gemäss de l’Horizon, um zu der autofiktionalen Form zu finden, die es erlaubte, sich aus einer heteronormativen, binären Ordnung fortzuschreiben. Und um einen Textkörper zu erfinden, in dem die Sprache einen Körper und das Begehren eines nicht-binären Ichs skizziert. Dazu spürt de l’Horizon im Text den Traumata der weiblichen Vorfahr*innen nach, bis ins eigene sexuelle Begehren, die Verwundbarkeit, die Scham, den Schmerz im Körper. «Es geht darum, die Fäden aufzudröseln, die uns gewoben haben: die Fäden, die jede*n von uns in einem Kokon aus Schweigen, Scham und Scheinheiligkeit gefesselt haben, zu entwirren», schreibt Kim an die Mütter. Die Lust des Körpers ist neben dem Schreiben das Medium dazu. So schreibt de l’Horizon der Grossmutter auch davon, wie «verdammt himmlisch» es sei, «gefickt zu werden, dass es sich teuflisch gut anfühlt, durch die Strassen zu gehen und zu spüren, wie das Sperma extrem langsam den Körper wieder verlässt, langsamer als Honig, langsamer als die Tannenzapfenmelasse, die du dir immer auf die letzte Fotzelschnitte träufelst.» Die Erzähl­figur spürt sich in ihrer Slutiness. Trotzdem ist da auch Unbehagen gegenüber der unterschwelligen Misogynie mancher schwuler Fickkulturen.

Bäume und Hexen

«Blutbuch» ist ein textliches Hybrid, eine rohe, oft verspielte Assemb­lage: Poetisch-schmerzhafte Erinnerungsfragmente ans Kindsein, das muttersprachliche Berndeutsch darin, explizite Episoden übers «Geficktwerden», essayistische Passagen über Bäume und Hexen. Popliterarische Einwürfe, viele Anbindungen, etwa an Eribon, Louis, Annie Ernaux, Foucault, Derrida, aber auch Donna Haraway oder Starhawk. Aber womöglich ist auch diese manchmal irritierende metafiktionale Absicherung Ausdruck der sozialen und geschlechtlichen Prekarität dieser Autor*innen-Existenz und der dazugehörigen Angst, in einem unwachsamen Moment für illegitim erklärt, aufgelöst zu werden. Es wirkt beim Lesen, als ob man der Entstehung eines Textkörpers beiwohnen würde, eines knotig-knorpeligen, keinesfalls gleichförmigen Gewebes, das ein non-binäres Ich knüpft.

Heilendes Werkzeug

Kim de l’Horizon nutzt gemäss Eigenaussage das Schreiben als hexerisch-heilendes Werkzeug, stellenweise fungiert es als Gegenzauber, um sich den Bann binärer Geschlechternormen vom Leib zu schreiben. Der selbstreflexive Abstand kommt wohl auch dem Pathosvorwurf zuvor. Und der eigenen Angst vor zu viel Nähe zu den mütterlichen Worten, wenn Autor*in Kim gar mal ins Englische wechselt. In der adoleszenten Sprache, in der Kim «Harry Potter» las, gelingt es, das zu schreiben, was in der «Mother Tongue» so nicht ginge. Das «Blutbuch» schreibt die eigene Geschichte und die der Frauen der Familie fort – als Person, die keine Kinder zeugen wird und den Faden der Wiederholung reissen lässt, weil Kim sich weder ins Weibliche noch Männliche hinein begibt. Und es ist eine Umarmung der «Meeren», die Mütter und deren Umfeld, das Schriftsteller*in Kim de l’Horizon mit «Blutbuch» auch sozial hinter sich lässt. Nicht zuletzt mit der Nomination für den deutschen Buchpreis.

Kim de l’Horizons «Blutbuch» ist im Dumont-Verlag erschienen.

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