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«Der Schnorchel ihrer Wohnung sei das, sagte sie», schreibt Tom Combo.© Aline Meister

Einige Dinge bleiben anders – Teil 2

Wie wird die Welt sein, wenn wir aus der Corona-Isolation aufwachen? 
Schütteln wir uns noch die Hände? Können wir besser kochen? Wird es die 
Generation Corona geben? Wir lassen fünf Schreibende in fünf Etappen 
eine Post-Corona-Fortsetzungsgeschichte entwerfen.

Die Pressekonferenz war vorbei. Also durften nun auch Risikopatienten wieder ihre Wohnungen verlassen. Natürlich fand das Irinel gut. Doch sein Lieferdienst würde damit viele Kunden verlieren. Bei einigen schaute er mehrmals die Woche vorbei, und wenn auch die Gespräche nur durch die geschlossene Haustür hindurch stattfanden, so hatte er bestimmte Leute doch liebgewonnen. Manche von ihnen erzählten ihm Dinge, die sie noch nicht mal den engsten Angehörigen anvertrauten. Dabei schauten sie manchmal durch den Türspion. Gleichzeitig fragte sich Irinel, wie diese Leute wohl aussähen. Diese Kim zum Beispiel. Sie war ein bisschen seltsam, aber sie schien ihn zu mögen, nicht zuletzt, weil er ein wenig Französisch sprach und sie gerade daran war, die Sprache zu lernen. Ihres Asthmas wegen könne sie nicht mehr raus, sagte sie einmal. Sie hatte dieses Loch in die Aussenwand gebohrt und ein Plastikrohr hindurch gesteckt. Der Schnorchel ihrer Wohnung sei das, sagte sie, und als Irinel sie fragte, weshalb sie nicht einfach das Fenster geöffnet habe, antwortete sie, das Fenster sei die Taucherbrille.

Irinel schaltete den Fernseher aus. Er musste raus, den Kopf lüften. Er stieg gerade die Treppe von der Lorrainebrücke zum Blutturm hinunter, als wenige Meter vor ihm eine Frau stehen blieb und fragte: «Ça va?» Irinel blieb ebenfalls stehen. Er erkannte die raue Stimme wieder. Kim. Sie musste sich wohl erst wieder an die Aussenwelt gewöhnen, dachte er, als sein Blick auf das blauweiss gestreifte Pyjama und die roten Filzpantoffeln fiel.

Kim hatte den Einkaufstaschenmann erst auf den zweiten Blick wiedererkannt. Ihr fehlte die Weit­winkelperspektive des Türspions. Ihr fehlte die Haustür. Irgendwas war anders als es sein sollte, dachte sie, als ein seltsames Geräusch vom Blutturm her zu ihnen hinüber drang. Sie drehten reflexartig den Kopf. Kim wollte wegrennen, aber Irinel stand vor ihr und an ein Vorbeikommen war bei den immer noch geltenden Abstandsregeln nicht zu denken.

Der Winterthurer Autor, Singer-Songwriter und Musiker Tom Combo hätte am Literaturfestival Aprillen seinen zweiten Roman «Inneres Lind» über «eine Gruppe Freunde am Rand der bürgerlichen Existenz» vorgestellt. Manuel Stahlberger schrieb über den Roman: «Ich find vor allem das Psychozeug spannend.»

Teil 1 von Saskia Winkelmann
Teil 3 von Flurin Jecker
Teil 4 von Sunil Mann
Teil 5 von Tabea Steiner

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