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Schrieb in den 1950er Jahren im «The Berne Book» vom Leben als Fremder: Vincent O. Carter.© Staatsarchiv des Kantons Bern, FN, Baumann
Orell Füssli, Bern

Einer, der zurückstarrt

Vincent O. Carter blickte ebenso unerbittlich wie empathisch auf Bern und seine Menschen. «Meine weisse Stadt und ich. Das Bernbuch» erscheint erstmals auf Deutsch. 50 Jahre nach der englischen Erstausgabe erfährt der afroamerikanische Autor postum die Beachtung, die ihm gebührt.

«Wenn ich das Mövenpick betrat, fielen den Leuten Messer und Gabeln aus der Hand, sie verdrehten die Köpfe, sassen mit offenen Mündern da, Babys kreischten hysterisch los und Frauen riefen: ‹Gott steh uns bei!› Die ganz Mutigen hielten ihre Babys hoch, damit sie sich den schwarzen Mann ansehen konnten.» Im Juni 1953 lässt sich der fast 30-Jährige Amerikaner aus Kansas in Bern nieder. Im selben Sommer ist auch James Baldwin «the first negro» in Leukerbad, wo er seinen autobiografischen Roman beendet. Begegnet sind sich die zwei nur im literarischen Geist. Während Baldwin die Schweiz als Reisender besucht, bleibt Carter bis zu seinem frühen Krebstod 1983 in Bern.

Kein Onkel Tom

Und hier wurde Vincent O. Carter nun «angegafft» wie ein Ausserirdischer. Es scheint eine helvetische Unart zu sein: Noch heute beklagen sich Expats in Foren über den «Swiss Stare». Doch Carter starrte zurück – «[Die Schweiz] kam mir vor wie ein kleines Märchenland. Alles wirkte so klein. Die Leute machten so wichtige Gesten. Zu meiner Wut gesellte sich Sarkasmus, wenn sie auf mich zeigten und lachten! Dabei waren sie selbst die kleinsten und komischsten Wesen, die ich je gesehen hatte, mit ihrer seltsamen Bauerntracht.» Mit beeindruckender Beobachtungsgabe und Scharfzüngigkeit beobachtete er die Schweizer: Der Schweizer «muss immer daran denken, zur Sicherheit den Kopf hinter seinen Bergen einzuziehen ...» Und schliesslich sind es Sätze wie dieser, die begeistern: «Viele Leute sind nett zu mir, weil sie gerade Onkel Toms Hütte gelesen haben.»

Ausgerechnet in Bern

Aufgezeichnet hat Carter alles im «Bernbuch» – einem erzählend-essayistischen Werk, angelegt wie ein langes Beizengespräch – wobei der Autor immer wieder erklären muss, warum ausgerechnet er, ausgerechnet er als Künstler, ausgerechnet in Bern bleiben will. Ein allen bekanntes Bern übrigens. Mit der Kirchenfeldbrücke und den «Mürggeln», die sich alle kennen und «‹Empfindsamkeit› gegenüber Menschen, Dingen oder Ideen [hegen], die ‹anders› sind, und das hiess vor allem ‹nicht aus Bern›». Auch ein vergangenes Bern wird greifbar: Eines des selbstgerechten Schweizer- und Beamtentums, der hungrigen Autoren in Mansarden, eines des Restaurants Commerce, der Perry Bar, des Bali, Chikito, Mövenpick, Perroquet, Figaro, Casino, Café du Théâtre, Kino Capitol und des Tea-Rooms Rendez-Vous, Carters Schreibstube.

50 Jahre danach

Unter dem Titel «Meine weisse Stadt und ich. Das Bernbuch» erscheint das 1957 beendete Werk nun erstmals auf Deutsch. Knapp 50 Jahre nach der englischen Erstausgabe von 1973. Mit der Black-Lives-Matter-Bewegung hat die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit und das Aufzeigen von alltäglichem, strukturellem Rassismus Aufmerksamkeit erlangt. Neue Beachtung finden dabei auch Stimmen und Sichtweisen von nichtweissen Kunstschaffenden wie Carter. Ein Trend, der sich auch an den Solothurner Literaturtagen zeigte, wo heuer viele Autor*innen eingeladen wurden, die in keiner Landessprache schreiben, in der Nachfolge von Carter aber migrantische Lebenswirklichkeiten und Erfahrungen festhalten.

«Sehr aktuell – leider»

Bald könnte auch Carters künstlerischer und literarischer Nachlass im Schweizerischen Literaturarchiv im Kirchenfeld, dem einstigen Berner Lieblingsquartier des Autors, unterkommen. Der Limmatverlag und Literaturagentin Katharina Altas sind zurzeit im Gespräch mit dem Archiv. Carters Wiederentdeckung dauerte allerdings: Die Bernerin Liselotte Haas, Carters Lebensgefährtin, hat seine Manuskripte aufbewahrt und «Such Sweet Thunder», ein Buch über Carters Kindheit in Kansas City, bereits 2003 an einen Verlag vermittelt. Der Limmat Verlag will es im nächsten Jahr auf Deutsch herausgeben. Wie aber kam es zum deutschen «Bernbuch», dessen Filmrechte sich der Berner Regisseur Dieter Fahrer («Die vierte Gewalt» 2018, «Thorberg» 2012) schon gesichert hat? Die Literaturagentin Katharina Altas wurde von der Bernerin Anisha Imhasly – ihre Eltern waren gut mit Haas und Carter befreundet – darauf aufmerksam gemacht. Altas las und war «hell begeistert»: «Carter war seiner Zeit voraus.» Seine Aussenseiterperspektive und sein Aussenblick auf Bern hätten sie fasziniert. «Dieser Text ist zeitlos und hat keine Patina angesetzt. Er liest sich sehr aktuell – leider.»

Nur ein bisschen Jazz, bitte

Seine Hautfarbe und sein Künstlertum machten den Afroamerikaner in Bern zu einem Kuriosum. Auch wenn Bekannte ihm mit Geld und Essen aushalfen, prägten rassistische Vorurteile und Denkmuster seinen Berner Alltag. Entsprechend stereotyp waren oftmals auch die Erwartungen der Berner und Bernerinnen an ihn als Autor und Redaktor, etwa für «Radio Bern»: «Man wollte, dass ich über Schwarze schrieb, das heisst, über die Schwarzen in ihrer Vorstellung, oder Negro-Spirituals spielte, […] vielleicht auch ein bisschen Jazz, aber nicht zu viel.» Für viele war Carter einfach ein «Afrikaner». Er wurde gar als Bananenverkäufer angefragt, sei «wie geschaffen dafür». Wie gern würde man ihn mit dem zwiespältigen, damals sehr populären Berner Afrikafilmer René Gardi an einen Beizentisch setzen. Carter hätte ihn mit der nötigen Wut, klugem Witz, geduldiger Empathie und guten Argumenten – vielleicht auf Berndeutsch – entwaffnet.

Feinfühligkeit als Überlebenstaktik

«We are all of the same ‹Teig›», soll Carter seinen Englischstudierenden an der Migros Klubschule zu sagen gepflegt haben. Weitsichtig und versöhnlich erwies sich Carter besonders in seiner Parallelführung von Rassismus und Minderheitenerfahrung: «Für gewöhnlich ist [eine Frau] sensibler als ihr Mann, nicht weil sie eine Frau ist, sondern aus denselben Gründen, die Angehörige von Minderheiten zumeist feinfühliger machen als die von Mehrheiten, denn diese Feinfühligkeit ist ihre wichtigste Überlebensstrategie.» Ein ebenso kritischer wie empathischer Blick zurück: Eine Position, die in den heutigen identitären Diskursen mehr Beachtung verdiente.

Vincent O. Carter:  «Meine weisse Stadt und ich. Das Bernbuch». Limmat Verlag 2021, 440 Seiten, 34 Franken.

Dieser Text erscheint in Zusam­men­arbeit mit Journal B, dem Online-Magazin, das sagt, was Bern bewegt. www.journal-b.ch

Korrigendum: In einer früheren Version dieses Artikels, der in der BKA N°39 erschien, stand, dass Carters Nachlass im Schweizerischen Literaturarchiv aufgenommen werde. Das war voreilig formuliert, der Limmat Verlag und die Literaturagentin Katharina Altas sind im Gespräch mit dem Archiv, aber die Aufnahme ist nicht beschlossen. 

 

 

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