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Nicolas Kerksieck: «Das ich kein Berner bin, kann auch ein Vorteil sein.»© ZVG
Kornhausforum, Bern

«Die Nacht bringt mehr Erkenntnis als der Tag»

Nicolas Kerksieck übernimmt ab nächstem Jahr die Leitung des Kornhausforums. Kommende Ausstellungen will der studierte Bildhauer als autonome Werke gestalten.
Nicolas Kerksieck kommt gerade aus der Sitzung mit seinem Vorgänger Bernhard Giger: Ab Januar wird der Kunsthistoriker, Musikwissenschaftler und Betriebswirt die Leitung des Kornhausforums übernehmen. Der Kurator und Dozent ist kein reiner Theoretiker. Vielmehr hat Kerksieck in Berlin und Sydney Bildhauerei studiert und dabei viele Projekte im öffentlichen Raum realisiert. Mit seiner eigenen Galerie war er in Deutschland, der Schweiz, in Tschechien und den USA tätig.

«Durch meine Kooperationen

mit unterschiedlichen Institutionen und anderen Künstlerinnen und Künstlern bin ich mehr und mehr zum Kurator geworden», verrät er. Sein Vorgänger, Bernhard Giger, ist ein in Bern bestens vernetzter Fotograf und Filmregisseur. Wie will Kerksieck, der mit seiner Frau und neunjährigen Zwillingen in Luzern lebt, das Haus prägen? «Dass ich kein Berner bin, kann auch ein Vorteil sein. Manchmal tut ein Blick von aussen gut», ist der gebürtige Deutsche überzeugt.

Er verfüge allerdings bereits über ein gutes Netzwerk vor Ort und könne sich Kooperationen, etwa mit Konzert Theater Bern, gut vorstellen. «Ich schaue in alle Richtungen.» Ausstellungen versteht er als autonome Werke. «Ich gehe immer von der künstlerischen Praxis aus.» Er wolle mit Raum, Kontext und Artefakten arbeiten. «Ich denke nicht in einzelnen Disziplinen», so Kerksieck. Als Bildhauer habe er sich viele Gedanken über Sehnsuchtsräume und Utopien gemacht. «Der Raum als Phänomen, das ist ein Thema, das mich auch als Kurator beschäftigt.»

Halfpipe für Heimatlose

Kerksieck hat an der Universität der Künste Berlin beim englischen Künstler Tony Cragg studiert, der bekannt für organische Skulpturen im öffentlichen Raum ist. «Form und Oberfläche ist bei Cragg sehr wichtig», so Kerksieck. Er selbst bediente sich für seine Kunst gern beim Baumarkt und schuf Installationen aus einfachen Alltagsmaterialien. So stellte er 2014 weisse Sichtschutzwände bei Bänken an einer Zuger Seepromenade auf oder präsentierte in Miami eine «Halfpipe für Heimatlose», die mit einem Teppich belegt auch an ein Riesensofa denken liess.

Der politische Gedanke des Do-it-yourself-Prinzips gefalle ihm. Nachdem er in den letzten zehn Jahren hauptsächlich an Kunst- und Gestaltungshochschulen gelehrt und gearbeitet habe, freue er sich nun darauf, für ein spartenübergreifendes Haus, das die Bereiche Design, Architektur und Fotografie beinhalte, arbeiten zu können. «Ich werde sicherlich etwas weniger dezidiert auf Fotografie setzen als mein Vorgänger, dafür einen grösseren Fokus auf Architektur, Design und deren Grenzüberschreitungen legen», so Kerksieck.

Doch Giger werde mit einer Schau über den Berner Fotografen Eugen Thierstein im neuen Jahr noch eine für ihn typische, letzte Ausstellung präsentieren. Kerksieck selbst ist am es am wichtigsten, dass seine Projekte gesellschaftliche Relevanz haben. Er wolle verschiedene Themen kritisch reflektieren. «Ein Diskurs soll angestossen werden.» Einfach eine schöne Ausstellung zu machen, interessiere ihn nicht.
«Ein Thema, das mich beschäftigt, ist die Stadtentwicklung.» In der für Herbst 2021 geplanten Ausstellung «shared spaces in change» werde es darum gehen, wie sich die Stadt nach Corona entwickelt und welches neue Verständnis von Öffentlichkeit es zukünftig geben wird. «Wir wollen mit den Erkenntnissen aus der Coronakrise Potenziale des öffentlichen, physischen wie digitalen Raumes sichtbar machen und zur Diskussion stellen. Wie verändern und stärken wir die Wahrnehmung und Resilienz unserer öffentlichen Räume?»

Partizipative Diskursplattformen und Vorträge sollen die Schau ergänzen. «Wir sind eine Kooperation mit dem Architekturforum Bern eingegangen», so Kerksieck. Corona wolle er dabei nicht als Bedrohung, sondern als Herausforderung mit Potenzial präsentieren.

Die Schönheit der Nacht

Einen Slot im Sommer möchte Kerksieck für eine Schau zum Thema «Nacht werden» nutzen. Die mythisch aufgeladenen Stunden beschäftigten ihn bereits als Dozenten. Kerksieck, der an verschiedenen Hochschulen unterrichtet hat, veranstaltete mit seinen Studierenden Nachtgespräche und stellte fest: «Die Nacht bringt mehr Erkenntnis als der Tag.» Das Gehirn funktioniere nachts anders, führt er aus. Gerade in Krisenzeiten könne es sinnvoll sein, andere Denkmechanismen zu testen.

In der geplanten Ausstellung werde es natürlich auch um die Schönheit der Nacht gehen, was er unter anderem anhand von fotografischen Arbeiten sichtbar machen wolle. Bereits die Romantiker und später die Surrealisten liebten die Nacht, glaubten sie doch an die Macht der Träume. «Trägt nicht alles, was uns begeistert, die Farbe der Nacht?», fragte etwa der Dichter Novalis.

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