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Schreibt von der glühenden Sonne und dem brennenden Zürich – Lorenz Langenegger.© Ruth Erdt

Die Hölle ist eine Strandbar

Lorenz Langenegger hat in seinem neuen Roman «Jahr ohne Winter» einen liebenswert-zweifelnden Protagonisten geschaffen, der sich widerwillig auf eine grosse Reise begibt.

Australien ist für viele ein Sehnsuchtsort: die Weite, die endlosen Strände, die Wellenreiter, die niedlichen Koalas und Kängurus. Das weiss auch Jakob Walter: «Keine Menschenseele, nur Staub, Sand, bizarre Felsformationen und die Sonne, die glühend rot am Himmel steht.» Aber Walter ist nicht der Typ für Abenteuer: «Er hätte vor zweihundert Jahren kein Schiff bestiegen, um sein Glück zu versuchen,er glaubt nicht an die Versprechen der Neuen Welt», und die Codes der «Rucksacktouristen und Weltenbummler» kennt er nicht. Trotzdem sitzt er jetzt tausende Kilometer von seiner winterlichen Heimatstadt Bern in einer Strandbar in Australien. Genauso stellt er sich die Hölle vor: «Nichts als Sonne, feuchte Hitze, gute Laune und die Sommerhits der letzten zwanzig Jahre.» Und das ausgerechnet wegen seiner Ex-Frau Edith, die ihm seine Antriebslosigkeit, fehlende Durchsetzungskraft und seinen mangelnden Ehrgeiz immer zum Vorwurf gemacht hat. Jetzt reist er für sie ans andere Ende der Welt.

Hoffnung im Gepäck

Im vierten Buch des Theater-, Film- und Romanautors Lorenz Langenegger, «Jahr ohne Winter», erzählt dieser lakonisch und humorvoll von einem, der plötzlich aus seinem geregelten Alltag in eine andere Welt katapultiert wird. Ediths Mutter schickt ihn nach Australien: Sie ist schwer erkrankt und braucht eine Stammzellenspenderin, und da kommt nur ihre Tochter infrage. Diese absolviert gerade eine 30 Tage dauernde Schweigemeditation im australischen Outback und ist nicht erreichbar. Mehr aus Gutmütigkeit und mit der kleinen Hoffnung im Gepäck, dass die Liebe zwischen ihm und seiner Ex-Frau unter diesen Umständen nochmals aufblühen könnte, fliegt Walter nach Australien. Dort trifft er auf einen Rocker mit weichem Herz, eine Gruppe HeimwehDeutsche und einen Aborigine, der genauso störrisch wie Walter ist.

Langenegger, der in Bern studiert hat und zusammen mit Stefan Brunner den neuen Zürcher Tatort «Züri brännt» geschrieben hat, schafft mit Jakob Walter einen liebenswerten, zweifelnden Protagonisten, der sich widerwillig auf eine innere und äussere Reise begibt. Ob er am Ende ein anderer ist – so das viel beschriebene sentimentale Versprechen einer solchen Heldenreise – lässt Langenegger angenehm offen, so wie er zum Glück auch sonst einiges in der Schwebe lässt.

Lorenz Langenegger «Jahr ohne Winter»
Jung und Jung Verlag, 2019
www.jungundjung.at

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