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Robert Walser auf einem Spaziergang, fotografiert von Carl Seelig.© Keystone, Robert Walser-Stiftung Bern

«Bummelgenie», Radikaldemokrat

Die Neuausgaben von Robert Walsers «Der Spaziergang» und Carl Seeligs «Wanderungen mit Robert Walser» sind im Suhrkamp Verlag erschienen – erarbeitet wurden sie im Berner Robert Walser-Zentrum.

Der Berner Autor Robert Walser ist für viele ebenso Inbegriff eines Spaziergängers mit Zügen eines dichtenden Vagabunden wie eines sympathischen, aber leicht irrsinnigen Müssiggängers. Die Konnotation geht laut Reto Sorg, Leiter des Robert Walser-Zentrum, zurück auf Carl Seelig. Der Zürcher Publizist und Vormund Walsers war es, «der 1944 den Text ‹der Spaziergang› von Walser neu herausgegeben – und auch gleich selbst rezensiert hat», sagt Sorg. «Dabei hat er Walser als ‹König der Spaziergänger› und ‹Bummelgenie› bezeichnet».

Zwei Neuauflagen

Während der letzten zwanzig Jahre, die Walser in der Heil- und Pflegeanstalt Herisau verbrachte, ging er mit Seelig 45-mal wandern. Ein Privileg. Hermann Hesses Besuchswunsch beispielsweise liess Walser unerfüllt. «Seelig verstand sich als dessen Sprachrohr und Ghostwriter, er stilisierte sich auch als Biograf und Werkhüter Walsers, ähnlich wie Max Brod bei Kafka oder Eckermann bei Goe­the», sagt Sorg. So publizierte Seelig 1957, nur ein Jahr nach dem Tod des Berner Autors, «Wanderungen mit Robert Walser», worin Spaziergangsgespräche aufgeführt wurden, die Details zu Walsers Biografie erläuterten.

Beide Bücher wurden nun im Suhrkamp Verlag neu aufgelegt: «Der Spaziergang» im Rahmen der Berner 
Gesamtausgabe, die das Robert Walser-Zentrum verantwortet. «Wanderungen» mit der Idee, die Originalausgabe mit dokumentarischem Material und Kommentaren zu versehen.

«Kein Wellness»

Wie stand aber Walser selbst zum Spazieren? «Für ihn bestand ein enger Zusammenhang zwischen Denken und Schreiben und dem Akt des Gehens. Das meinte er aber nicht als emphatischer Naturbursche. Es geht nicht um Wellness», sagt Sorg, der auch Mitherausgeber beider Publikationen ist. Spazieren habe Walser vielmehr zum Erfassen seiner ästhetischen Praxis gedient. Es gehe um die Subjektivität der Wahrnehmung. «Bei Walser gibt es nicht Bern oder den Wald. Mit jedem Schritt präsentiert sich die Welt neu und anders. Die Wahrnehmung ändert sich laufend.» Walser bestreite nicht, dass man Wald sagen kann, aber er wehre sich gegen Zurichtungen und Klischees. «Alle Ansichten sind wichtig, jeder und
jede hat eine hohe Wahrnehmungs­kompetenz. Diese Ansicht Walsers ist im Endeffekt hochpolitisch – sie ist eigentlich radikaldemokratisch.»

Robert Walser: «Werke. Berner Ausgabe – Band 14: Der Spaziergang»
Carl Seelig: «Wanderungen mit Robert Walser»
www.suhrkamp.de
www.robertwalser.ch

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