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Drei Werke in drei Jahren: Li Mollet.© Eva Mollet

Aufforderung zum Aufbruch

Sie ist 73 Jahre alt und soll noch «weiterschreiben». Die Stadt Bern vergab das renommierte Stipendium an die 
Seeländerin Li Mollet. Mit «weiße Linien» veröffentlichte sie zuletzt ihr neuestes Werk.

«Wenn man einen einzelnen Tag eines Menschen erzählen möchte, reicht ein ganzes Leben nicht. Es passiert so viel gleichzeitig.» Li Mollet hat einen literarischen Weg gefunden, diesem Widerspruch auszuweichen. In ihrer Neuerscheinung «weiße Linien» kreiert sie eine Figuration der Josefine O. in kurzen Versformen. «Ich erlaube mir auszulassen», sagt sie. Diese Figuration auf Kurzzeilen, diesen einen Tag mit Lücken der Josefine O., schiebt sie immer wieder in den Lauftext, in welchem weitere Personen vorkommen, mit welchen Josefine O. vielleicht interagiert. Oder eben auch nicht, ganz wie im echten Leben.

Notizbücher – Schatz in Reisekoffern

Li Mollet hat schon ihr ganzes Leben lang geschrieben, wie sie sagt. Und wenn man sie als Kind gefragt habe, wollte sie Schriftstellerin werden. Doch zu veröffentlichen begann sie erst im Jahre 1999 - mit über 50 Jahren. «Literatur ist für mich erst, wenn man richtig daran arbeitet», so Mollet. Doch will sie ihre Notizen nicht abtun oder zu einer Freizeit­beschäftigung degradieren. «Das ist mein Schatz», sagt sie, «die Notizbücher sind alle in einem alten Reise­koffer. Wenn ich eines rausnehme, ist das wie eine Aufforderung an mich selbst. Eine Aufforderung zum Aufbruch.»

Überlegt, zart, genau, eindrücklich

Die studierte Erziehungswissenschaftlerin und Philosophin wägt jedes Wort ab. Nicht nur in ihren Texten, sondern auch wenn sie spricht. Mollet ist eine überlegte, zarte und sehr genaue Frau. Was sich unweigerlich in ihren Texten widerspiegelt. Fein, sanft und eindrücklich zugleich schreibt sie sich durch die weissen Linien: «Meine Einsamkeit ist dann am grössten, wenn ich alles tue, was notwendig und nützlich ist, sage ich. Danach wird es plötzlich still. Unentschlossenheit stellt sich ein. Die Wünsche bleiben aus. Lasst mich, sagt die Frau mit leiser Stimme, der Tag ist kurz, die Nacht traumverloren, wenn alle wissen, was sie wollen.»

Nach zahlreichen Auszeichnungen erhielt die 73-jährige Mollet im vergangenen Jahr das «Weiterschreiben»-Stipendium der Stadt Bern. Unendlich gefreut hatte sie sich und war auch etwas überrascht, so verband sie dieses Stipendium doch jeweils mit jüngeren Schreibenden. «Man kann eben auch als alte Dame weiter schreiben», lacht sie. Und sie ist fleissig: In den vergangenen drei Jahren veröffentlichte sie drei Bände - einer davon, «die Augen reiben. Fadenhaftung», ist ihr besonders wichtig, da es eine Kooperation mit ihrem Lebenspartner , dem Kunstmaler Heinz Mollet ist. Ende März und Anfang April macht Mollet eine serielle Buchpräsentation von «weiße Linien» in fünf Kürzest­lesungen, ebenfalls gemeinsam mit ihrem Partner, in einer seiner Ausstellungen.

Li Mollet: «weiße Linien», 2021
www.ritterbooks.com

Galerie Béatrice Brunner, Bern
Lesung: 25., 26.3. und 1., 8., 9.4., 18 Uhr
Reservation: galerie@beatricebrunner.ch


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