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Pegelstand

von Sibylle Heiniger
© Rodja Galli, a259

Sibylle Heiniger

Sibylle Heiniger ist Regisseurin und Produzentin und engagiert sich bei t. Bern, dem Berufsverband fürs freie professionelle Theaterschaffen. Sie ist zudem Mitglied der städtischen Tanz- und Theaterkommission. Da am neuen Wohnort Biel die geliebte Aare zum See wird, lernt sie nun segeln.

«Ich implodiere!» So lautet meine neuste Antwort auf die Frage «Wie geht’s?». Das Flirren ging über in einen anderen ungemütlichen Zustand. Eine Freundin meinte jedoch auf meine Antwort, dass ein Mensch nicht implodieren könne, ausser der Körper befinde sich tief unter dem Meeresspiegel oder in einem schwarzen Loch. Implodieren bedeutet in sich zusammenfallen. Für mich ist es eher eine innere Explosion. Deshalb, weil vieles einfach nicht raus kann, was raus möchte: verschobene Premieren, keine Ein-, geschweige denn Ausreise­genehmigungen, nur noch Online-Sitzungen, keine Spontanbesuche, neue Schutzkonzepte, erneute Verlängerung der Massnahmen. Vor lauter Umorganisieren und Verschieben komme ich gar nicht zu inhaltlichem Denken. Das blockiert.

Blockade der Kreativität. Dumpfes Erinnern an frühere Zeiten. Und in dem trümmligen Zustand prallen Stimmen wie «Macht was! Werdet laut! Seid innovativ! Wehrt euch!» ab. Denn innen drin ist es laut und rumort. Wehe, wenn dieses Rumoren nach aussen dringt! Soll ich in den Wald gehen und «Füdle!» schreien? Den öffentlichen Raum besetzen? Oder am Kulturschweigen mit einer Kerze am Aarebord stehen, still in der Kälte ausharren und mit vielen anderen Kulturschaffenden implodieren? Ja, das tat ich. Und das tat gut. Gab Energie, trotz klammen Fingern.

Und gestärkt wurden wir auch, mit Blick Richtung Osten, durch die Meldung, dass am Wahlwochenende in Zürich das neue Fördermodell für Tanz und Theater vom Volk angenommen wurde. Damit werden neue Ideen und freie Künstlerinnen und Künstler stärker gefördert. Die Konzeptförderung soll auf Anfang 2024 eingeführt werden. Für die Stadt Zürich entstehen gegenüber heute Zusatzkosten von jährlich rund 2,5 Millionen Franken.
Und hier? In Bern wurde das Budget trotz Defizit angenommen. Ein Lichtschimmer, flackernd zwar, wie unsere Kerzen an der Aare. Auf dass die neu gewählte Regierung auch für die Kultur einstehen wird und wir wieder statt implodieren und explodieren können!

 


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