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Pegelstand

von Wolfgang Böhler
© Rodja Galli, a259

Wolfgang Böhler

Wolfgang Böhler ist Philosoph, Dozent für Musikphilosophie und -psychologie und Gründer des Onlinemagazins Codex flores. Er publiziert zu Musikwirkungsforschung und Kulturpolitik und ist Dirigent von Männerchören.

Ich leite drei Chöre, und jetzt wäre die Zeit der Vorbereitungen für die Jahres­schlusskonzerte. Für viele – nicht nur in meinen Ensembles – bietet das gemeinsame Singen und Feiern in der Adventszeit möglicherweise die einzige Gelegenheit, sozialer Isolation zu entgehen. Wie wir alle wissen, sind die Zeiten aber nicht normal. Mit Besorgnis verfolge ich in deutschen Face­book-Gruppen, wie sich Gehässigkeit ausbreitet zwischen Chorleitern und Vorständen. Letztere sehen die Vereinsvermögen schwinden und ver­suchen, sich aus Verträgen raus­zuhandeln, viele freischaffende Dirigentinnen und Dirigenten stehen wie­derum vor dem Nichts. Oh du bittere Weihnachtszeit …

 

Die Pandemie dürfte in der Chorszene stärker wüten als angenommen, vor allem ländliche Chöre wird es schwer treffen. Wenn sie ihre Tätigkeit aufgeben, haben ihre Mitglieder kaum Alternativen. In der Stadt dürften Projektchöre und Neugründungen im Wandel eher Perspektiven schaffen.

Trotzdem: Bundesrat Berset hat an der Medienkonferenz zu den Corona-Massnahmen explizit das Chorsingen herausgegriffen und bis auf Weiteres verboten. Das gemeinschaftliche Singen wird damit vom Gesundheitselixier zum Gefahrenherd. Was dies langfristig bedeuten könnte, ist beunruhigend. Alle namhaften Schweizer Chorvereinigungen haben sich deshalb zusammengetan und eine Petition gestartet (act.campax.org/efforts/chor-chant-canto-coronacanto-corona). Sie wollen einer längerfristigen Stigmatisierung des Singens entgegenwirken.

Ein Vorschlag: Wir könnten ein Fest der Rückkehr vorbereiten, mit dem wir den Neubeginn des gemeinsamen Singens feiern könnten, wenn es denn wieder so weit sein wird. Die Vorbereitungen könnten so sein, dass alle auch allein zu Hause bei den Vorbereitungen mithelfen könnten. Dies könnte dafür sorgen, dass das Feuer zwischenzeitlich nicht erlischt.


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