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Pegelstand

von Sibylle Heiniger
© Rodja Galli, a259

Sibylle Heiniger

Sibylle Heiniger ist Regisseurin und Produzentin und engagiert sich bei t. Bern, dem Berufsverband fürs freie professionelle Theaterschaffen. Sie ist zudem Mitglied der städtischen Tanz- und Theaterkommission. Da am neuen Wohnort Biel die geliebte Aare zum See wird, lernt sie nun segeln.

 

«Ich flirre.» So antworte ich in den letzten Tagen öfters auf die Frage «Wie geht’s?».

Laut Duden bedeutet Flirren unruhig, zitternd glänzen und ist eine Mischung aus den Verben schwirren und flimmern. Unruhig bin ich. Und diese Unruhe nährt sich aus der Unsicherheit. Zwar glaubte ich, mich in den letzten Jahren erfolgreich in diesem Zustand geübt zu haben: Offen sein für den Augenblick, Spontaneität leben und Freiraum kreativ nutzen. Doch – und da fängt es an zu flirren – konnte ich mich immer in einem geschützten Rahmen bewegen. Zugesicherte Projekte für die kommenden ein, zwei Jahre, die mir ideell und finanziell Halt gaben. Diese Sicherheit fällt weg – nicht nur für uns Kunst- und Freischaffende. Im Flirren trübt sich die Sicht, am Horizont wird es definitiv unscharf. Bestenfalls glänzt es bei mir an der Oberfläche, vor allem an der Nase, wenn sie wieder mal unter der Maske hervorblickt. Ich erkenne Menschen nicht oder nicht mehr, mein Gehirn scheint sich umzuprogrammieren und sucht nach neuen Erkennungsmustern. Da passieren in mir und mit mir Veränderungen, die ich vielleicht gar nicht alle bemerke. Und dann die Veränderungen um mich rum: ich ernte im Zug verächtliche Blicke, wenn ich mich getraue, meinen Kaffee zu trinken. Ein Schnauben der Sitznachbarin, weil ich mich erfreche, mich auf den letzten freien Sitzplatz neben ihr (!!) zu setzen. Ich lächle ihr zu, aber ihr Wahrnehmungsschema scheint noch nicht neu programmiert zu sein. Im Frühling hätten wir beide vielleicht zusammen geplaudert, uns ausgetauscht über dies und das, bisschen Smalltalk halt. Nun, im Herbst, vermisse ich die Solidarität. Stetes Flirren reizt die Gemüter, verhärtet.

Ich bleibe zu Hause, vor mir flimmert, gut 100 Jahre in der Geschichte zurück, die neue Staffel von «Babylon Berlin». Und ich denke mir, pragmatisch: «Wenn die Menschen (damals) das Flirren ausgehalten haben, schaffen wir es auch.»


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