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Pegelstand

von Wolfgang Böhler
© Rodja Galli, a259

Wolfgang Böhler

Wolfgang Böhler ist Philosoph, Dozent für Musikphilosophie und -psychologie und Gründer des Onlinemagazins Codex flores. Er publiziert zu Musikwirkungsforschung und Kulturpolitik und ist Dirigent von Männerchören.

Ich kann es nicht mehr hören. Das geht jetzt an alle Coronaskeptiker, die glauben, weil sie selber persönlich keine Kranken kennen und unsere Spitäler scheinbar leer sind, die Pandemie sei eine Erfindung von wem auch immer und wozu auch immer. Meine Kulturprojekte sind in der brasilianischen Stadt Manaus angesiedelt: Ein geschätztes Fünftel meiner Freunde und Mitarbeiter sind erkrankt, drei waren längere Zeit intubiert auf einer Intensivstation und haben nun mit den körperlichen Folgen der schweren Erkrankung zu kämpfen; der Vater einer unserer Schauspielerinnen ist dem Virus zum Opfer gefallen. Befreundete Krankenschwestern erzählen Erschreckendes über die Zustände in den mehr oder weniger kollabierten öffentlichen Spitälern.

Hier in der Schweiz zieht sich die Coronakrise in die Länge, mehr als im Frühling noch vermutet. Neben den Chor- und Konzertprojekten, die wir im Frühling und Sommer kurzfristig beerdigen mussten, kämpfen die Chöre, die ich leite, mit Motivationsproblemen, weil das Singen mit Schutzbestimmungen wenig Spass macht und der gesellige Teil entfällt. Ein Chor wird dieses Jahr gar keine Proben mehr abhalten, weitere gewichtige Kulturprojekte, die wir für den Herbst geplant hatten, werden wohl auch abgesagt werden müssen.

Das alles schlägt aufs Gemüt. Der Frust, die Ziellosigkeit, die düsteren materiellen Aussichten können dazu führen, dass das Verständnis für die anhaltenden Massnahmen sinkt. Von den Freunden in Brasilien erfahre ich aber wirklich Unerfreuliches aus einem der weltweiten Hotspots der Pandemie, in einem Land mit einem Präsidenten, der – freundlich gesagt – wenig beiträgt zur Eindämmung der Krise. Da bin ich doch froh, stellen wir uns als Gesellschaft und stellen sich die politisch Verantwortlichen dieser Herausforderung. Lustig ist das nicht. Die erlebbaren Alternativen sind es aber noch weitaus weniger.


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