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Pegelstand

von Wolfgang Böhler
© Rodja Galli, a259

Wolfgang Böhler

Wolfgang Böhler ist Philosoph, Dozent für Musikphilosophie und -psychologie und Gründer des Onlinemagazins Codex flores. Er publiziert zu Musikwirkungsforschung und Kulturpolitik und ist Dirigent von Männerchören.

Mir ist Klassenkampf sonst so fremd wie einem SAC-Hüttenwart Sommerferien am Meer, aber die gegenwärtigen Entwicklungen in Sachen Musikfestivals bedrücken mich. Reihum werden Rock-, Pop-, und Jazzfestivals abgesagt – zuletzt das Jazzfestival Willisau. Nur die Flaggschiffe der Haute Volée drücken ihre Programme irgendwie doch durch: Die Salzburger Festspiele gibt es in opulenter Fassung sogar im Kino, trotz Corona, das Lucerne Festival in «vegetarischer Version». Und Jazz gibt es zwar nicht im luzernischen Hinterland, wohl aber im Cüpliland St. Moritz, am Festival da Jazz. Während die Hablichen sich wohlverhalten verlustieren, werden die einfachen Bürger, die sich im öffentlichen Raum zusammenballen, um auch noch etwas Spass zu haben, auseinandergetrieben.

Ich hätte mir statt dieser aufbrechenden sozialen Differenzen über­raschende Gesten der Gemeinsamkeit gewünscht. Wie wäre es zum Beispiel mit einem Gratiskonzert einer Kammerversion des Berner Symphonieorchesters auf der Gurtenwiese gewesen, genau in dem Moment, in dem dort am abgesagten Gurtenfestival die Chemical Brothers aufgetreten wären? Und was wäre gewesen, wenn finanzkräftige Industriebetriebe grosse Hallen für coronakonforme Raves zur Verfügung gestellt hätten? Weltkonzerne aus der Finanzbranche und der Pharmazie hätten ihre Videokonferenzen-Infrastrukturen für originelle Performances zur Verfügung stellen können.

So wie es zurzeit läuft, bildet sich aber wieder ein bedrohlicher Graben: Hier die braven Bürger, die sich ihre Vergnügungen dank Finanzkraft trotzdem leisten können, dort die ungezogene Jugend, die sich eigensüchtig ihrer Partylaune hingibt und gemassregelt werden muss.

Schade, dass man im Kulturbetrieb die Chancen vergeben hat. Die Bewältigung der Coronakrise ist für die Branche in Sachen Solidarität kein Ruhmesblatt.


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