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Pegelstand

von Christian Pauli
© Rodja Galli, a259

Christian Pauli

Christian Pauli ist Kommunikationsleiter der HKB und co-leitet die Vereine pakt bern – das neue musik netzwerk und Neustadt. Er pendelt zwischen Aare und Rhein.

Das Leben ist zurück, halbwegs wenigstens. Ob die Normalität, respektive die Rückkehr zu der selbigen, gut oder schlecht ist, darüber philosophieren derzeit viele. Ein paar Köpfe haben sich über Künstlerinnen und Künstler,
die Kulturszene und die Hochkultur in pandemischen Zeiten aufgehalten. «Opernbühnen und Schauspielhäuser haben versagt», ereifert sich Peer Teuwsen, der Kulturchef der «NZZ am Sonntag», derweil Michael Marti, Mitglied der Chefredaktion der TX Group, gar von einer «Kulturtragödie» schwa­droniert. Erstaunlich, was für verbale Zweihänder ausgepackt werden. Da ringen zwei Cheffeuilletonisten mit dem Schrumpfprogramm und dem Bedeutungsverlust, der ihrem Ressort von den Medienkonzernen verordnet wurde.

Die Krise hat in der Kulturszene noch ganz anderes an den Tag befördert. Stichwort Systemrelevanz: Das Pflegepersonal ist wichtiger als die Kulturschaffenden. Die Erkenntnis ist schmerzhaft für unsereins. In unserem hohen Lied der gesellschaftlichen Relevanz der Künste schwingt gar viel Proklamation und Weinerlichkeit mit. Eine Aufgeblasenheit, die offenbar provoziert. Was in den letzten Wochen über (Nicht-)Bedeutung der Künste geredet wurde: Ach, lasst mich in Ruhe, entspannt euch! Ich will mich einfach darüber freuen, wieder an schweisstriefende Punkkonzerte, abgefahrene Kunstausstellungen und verstörende Performances zu gehen.

Viel wichtiger wäre, sich mit der Berufslage von Künstlerinnen und Künst­lern zu befassen. Stichwort Prekariat. Plötzlich wird es sichtbar: Viele Kunstschaffende arbeiten unter prekären Umständen. «Kultur ist mein Beruf, unsere Berufe sind in Gefahr», kampagnen die Corona-erwachten Kulturverbände jetzt national. Man kann hoffen, dass das dem einen oder anderen Politiker, Politikerin, Beamtin, Beamten oder Medienschaffenden die Augen öffnet.

Eine Sensibilisierungskampagne wird indes nicht ausreichen. Denn der Verteilkampf hat – das musste nach dieser Krise erwartet werden – die Kultur erreicht. Im steuerklammen Bern sollen die Kulturschaffenden bluten (2021: minus 356 000 Franken). Auf diese Sparübung gibt es, gerade in Post-Corona-Zeiten, nur eine Antwort: Nein. Politikerinnen, Politiker und Parteien müssen sich im Gegenteil damit befassen, wie Kulturschaffenden eine Existenzgrundlage geschaffen werden kann. Das wäre die feuilletonistische Lehre aus der Krise.


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