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Pegelstand

von Sibylle Heiniger
© Rodja Galli, a259

Sibylle Heiniger

Sibylle Heiniger ist Regisseurin und Produzentin und engagiert sich bei t.Bern, dem Berufsverband fürs freie professionelle Theaterschaffen. Sie ist zudem Mitglied der städtischen Tanz- und Theaterkommission. Da am neuen Wohnort Biel die geliebte Aare zum See wird, lernt sie nun segeln.

Der Soziologe Erving Goffman definiert die soziale Welt als Theater. Wir bewegen uns bewusst in einem Bühnenbild, hantieren gekonnt mit Alltagsrequisiten und spulen das eingeübte Reper­toire ab. Gleichzeitige, örtliche An­wesenheit sowie ein gemeinsames Aufmerksamkeitszentrum definiert er als Voraussetzungen für Theater.

Meine Bühne hat sich von einem Tag zum anderen verkleinert. Ich gehe einkaufen. Auf dem Weg zum Grossverteiler komme ich am Altersheim vorbei. Ich winke den wenigen, die auf ihren Balkonen sitzen, zu. Sie winken zurück. Am Morgen konnte ich von meinem Homeoffice-Fenster aus beobachten, wie Frau und Kind einer Heimbewohnerin an einem Stock ein Päckchen zu ihrem Fenster hoch balancierten. Ob die Beschenkte jetzt auch auf dem Balkon sitzt? Beim Einkaufen werde ich von einer Frau, die vor dem Kühlfach mit den Fleischaktionen den Weg blockiert, angesprochen. Sie will nur reden. Ich bleibe stehen, halte meinen Einkaufskorb ausgestreckt als Distanzschutz vor mich hin und höre ihr zu. Meine Fragen scheinen sie nicht zu interessieren. Höflich aber bestimmt wird sie von zwei Security-Menschen aufgefordert, den Laden zu verlassen. Beim Materialsammelpunkt für Obdachlose deponiere ich ein paar Schuhe und eine Packung Kekse. Beim Weggehen sehe ich einen jungen Mann, der sich beides schnappt. Die Schuhe werden ihm nicht passen.

Im Garten esse ich mit meinem Partner zu Mittag. Der Hund eines Mitbewohners begrüsst uns. Zum ersten Mal kriegt er eine Leckerei vom Tisch und ich frage mich, ob wir schon bald den Hund aus­leihen, um mit gutem Grund spazieren gehen zu können. Freunde aus Barcelona berichteten uns davon. Der nahe gelegene Spielplatz wird abgesperrt. Die beiden Teenies, die sich hinter einen Baum zurückgezogen haben, werden von Gärtnern gestört, die zwei morsche Bäume fällen. Wir laden die beiden zu einem Kaffee in unseren grossen Garten ein. Bei der Skype-Besprechung am Nachmittag frage ich mich, ob meine Kollegin neue Oberteile online bestellte, da mich ihr auffälliges Muster der Bluse ablenkt. Es klingelt. Meine bestellten Schnittblumen werden geliefert. Noch nie habe ich so viel Geld für Blumen ausgegeben. Am Abend essen wir zusammen mit guten Freunden, die Blumen mit auf dem Tisch. Der Laptop hält die physische Distanz nicht ein. Danach habe ich Kopfschmerzen und ich weiss nicht, ob vom Wein oder vom zu lange in den Bildschirm starren.

Ich freue mich darauf, wenn die Bühne wieder grösser wird, im Sozialen wie im Beruflichen. Bis dahin lese ich nochmals Goffmans «Wir alle spielen Theater».


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