mitgliederwerden grey iconMitglied werden

Pegelstand

von Sibylle Heiniger
© Rodja Galli, a259

Sibylle Heiniger

Sibylle Heiniger ist Regisseurin, Produzentin und Vorstandsmitglied von ACT Bern, dem Berufsverband der freien Theaterschaffenden. Sie liebt die Aare (vor allem im Sommer) und gute Bücher (immer). Illustration: Rodja Galli, a259

Ein junger Mann aus Afghanistan erzählte mir neulich, er habe in der Nähe von Bern ein Reh gesehen. Das Reh sei stehen geblieben und sie hätten sich angeschaut. Dies habe ihn sehr gerührt, das Berner Reh – das erste, welches er in der Schweiz sah. Rehe verbinde er mit seiner Heimat. Eine wunderbare Geschichte, dachte ich. Und ich sah vor meinem inneren Auge die ganze Szenerie, die Bühne. Ich suchte nach Verdichtung des emotionalen Moments und fragte mich, wofür dieses Bild steht. Für Heimweh? Für «Tiere kennen keine Grenzen»? Déformation professionelle. Ich höre eine Geschichte und fange an, sie zu inszenieren. Und ich stellte mir vor, wie der junge Mann durch die Altstadt von Bern ein Reh spazieren führt ...

Kurz davor hatte ich wieder einmal anhören müssen, dass für so viel blödes «Zeugs», das gar keine Kunst sei, Geld ausgegeben werde. Zum Beispiel für geräucherte Fische, die dann ausgestellt würden, statt sie zu essen oder mit dem Geld die armen Fischer zu unterstützen. Ich habe mich in die Diskussion eingemischt, fühlte mich gezwungen, Stellung zu nehmen. «Du bist auch Kunstschaffende, du hast doch eine Meinung, oder?» «Es ist euer Auftrag, nicht nur L’art pour l’art zu produzieren, diese Zeiten sind vorbei!» «Wo bleibt denn die politische Haltung in der Kunst? Wohl kaum im Ausstellen von Fischen?» Ich schwafelte etwas von Kontextualisierung, dass eben gerade das Ausstellen von Fischen politisch gelesen werden könne heutzutage, verlor mich in Worten über das Selbstreferenzielle in der Kunst, über partizipative Momente und vielem mehr …

Ein paar Tage später: Ich fahre mit dem Zug in Bern ein. Rund ums Bollwerk erblicke ich Polizei in Kampfmontur. Ich sehe keinen einzigen Demonstranten. Aber die Polizei markiert mit einem Grossaufgebot Präsenz. «Was für eine Sauerei», empöre ich mich, «so eine Geldverschwendung». Dann denke ich wieder an das Reh. Wie es würdevoll durch die Reihen der Polizisten spaziert, zusammen mit dem jungen Mann.


Zur Übersicht

Anmeldung Newsletter

Wetter in Bern

laden