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Off the Record

von Ronja Fankhauser
© Olivia von Wattenwyl/Blackyard

Ronja Fankhauser

Ronja oder Ra Fankhauser ist auf einem Bauernhof im Gantrisch aufgewachsen und lebt nun mitten in der Stadt Bern. Ra ist Schriftsteller*in ohne Pronomen, studiert am Literaturinstitut in Biel und reflektiert off-the-record sich selbst und das, was politisch und kulturell so läuft.

Freitagmorgen – ich besuche einen interdisziplinären Kurs an der Kunsthochschule mit Thema Identitätspolitik und der Beauftragte für Chancengleichheit an der HKB soll an diesem Tag in den Unterricht kommen. Auf seinen Besuch haben wir uns sorgfältig vorbereitet, unter anderem haben wir den «Code of Conduct» der Schule gelesen und unsere Kritik daran geäussert. Für diejenigen, die es nicht wissen: Der «Code of Conduct» ist eine Art Verhaltenskodex für die Mitglieder einer Organisation. Im Falle der HKB beinhaltet dieser Sätze wie: «Wir tolerieren kein Verhalten, das die Würde von Personen beeinträchtigt (…) »

In Zeiten, in denen Diskussionen um Rassismus und Sexismus gesamtgesellschaftlich immer mehr Gehör finden, dient so ein Code als Statement, aber oft auch als Antwort auf Diskrimierungsvorwürfe. Viele Berner Kulturinstitutionen bedienen sich dieser Strategie. Das ist nicht nur schlecht – sich explizit gegen Übergriffe zu äussern, setzt ein wichtiges Zeichen. In der Klasse diskutieren wir, dass das aber auch Probleme in sich birgt: Bei Diskriminerungsbeschwerden wird dann aufs Papier verwiesen, mit der Bemerkung, dass es sowas an der Schule ja nicht gibt, und strukturelle Benachteiligung bleibt unausgesprochen und unverändert. Auch an der HKB sind Fälle von Rassismus ungeklärt geblieben. Studierende erzählen mir, das eine nicht-weisse Schülerin nach mehrma­ligen Beschwerden und keiner Verän­derung irgendwann die Ausbildung abgebrochen habe. Einen Übergriff überhaupt zu melden, kann für betroffene Personen schwierig sein, umso mehr, wenn die Anzeige nicht ernst genommen wird. Wir planen, am erwähntem Freitagmorgen über diese Vorfälle zu sprechen – aber just dann werde ich krank und verpasse den Kurs. Als ich in der Woche darauf wieder in den Unterricht komme und die Dozentin die Klasse bittet, die Stunde für mich zusammenzufassen, werden Arme verschränkt und Augenbrauen zusammengezogen. Die Studierenden sind frustriert: Eine echte Diskussion sei ausgeblieben, Fragen unbeantwortet geblieben, erzählen sie. Das überrascht mich nicht – eigene Fehltritte einzugestehen macht verletzlich. Zu Veränderungen gehört immer auch Schmerz. Auch wenn es weh tut: Es wird Zeit, den Kampf gegen Diskriminierung vom Papier ins echte Leben zu holen.

Illustration: Olivia von Wattenwyl, Blackyard


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