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Off the Record

von Katharina Altas
© Olivia von Wattenwyl/Blackyard

Katharina Altas

Katharina Altas ist Literaturagentin und SP-Stadträtin. Off-the-record macht sie das, was sie auch im Rathaus oder im Literaturbetrieb macht: für die Kultur ein Wort einlegen und sie ermöglichen.

Das Private ist politisch – auch das Persönliche. Das illustriert Florian Illies’ Bestseller-Buch «Liebe in Zeiten des Hasses» aufs Deutlichste. Der Autor erkundet die Leben von Künstler*innen und Intellektuellen aus den Jahren 1929–1939. Ich lese diese Zeitdokumenten-Collage mit dem grössten Vergnügen. Es ist (auch) ein Blick durchs Schlüsselloch in westeuropäische Künstler*innen-Leben – und ja: häufig auch deren Liebesleben. Die Familie Mann, Erich Maria Remarque, Annemarie Schwarzenbach, Anaïs Nin, Bertolt Brecht, Walter Benjamin, Marlene Dietrich, Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre sowie viele andere werden im Buch ganz nahbar.

Langsam verliere ich die Übersicht, wer mit wem ein Verhältnis hat und wer gerade mit wem verheiratet ist. Nur bei Katia und Thomas Mann ist das ganz eindeutig. Wir bekommen Liebesgesäusel, Treueschwüre, gehörnte Eheleute, verletzte Gefühle und Herz- und Weltschmerz hautnah mit. Die Ereignisse erinnern an einen Tanz auf dem Vulkan. Und so muss sich die Liebe in Zeiten des Hasses für die damalige Künstler*innen- und Intellektuellen-Bohème angefühlt haben. Schon bald nämlich drohen Ausgrenzung, Berufsverbote und Verfolgung – und für viele das Exil.

In Teilen basiert das Buch auf Briefwechseln und Tagebucheinträgen. Schriftstücke also, deren Eigenheit es ist, Privates und Intimes gerade nicht öffentlich zu machen. Heute geben wir alle in den Sozialen Medien vieles von uns preis. Wir können aber steuern, wie wir in der öffentlichen Wahrnehmung erscheinen wollen. Mit Weichzeichnern werden Fotografien verschönert, mit markigen Worten eine smarte Haltung vermittelt. Für Egozentriker*innen leben wir in der besten aller Zeiten: Jeder Sender ist ein Empfänger und umgekehrt. Welche Schlüsse werden aus unserer öffentlichen Zurschaustellung in 50 Jahren gezogen werden? Und können politische Schlüsse aus der privaten Zurschaustellung gezogen werden?

Mich fasziniert dieses Buch, weil die darin beschriebenen Künstler*innen Personen des öffentlichen Lebens waren. Wir erleben sie mit ihren Nöten und das in einer Zeit, in der viele Exilierte nicht wussten, wie und wo ihr Leben weitergehen soll. Viele von ihnen gestalteten ihr Leben selbstbestimmt und selbstbewusst, trotz der widrigen Umstände. In diesem Sinne ist das Private und das Persönliche gerade hier politisch.

Illustration: Olivia von Wattenwyl, Blackyard


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