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Composer in Residence Toshio Hosokawa.© Kaz Ishikawa
Diverse Orte, Bern

Vom Stillstand bis zum Tsunami

Brüche, Risse und Verschiebungen bestimmen das diesjährige Musikfestival Bern. Geschäftsführer Andri Probst und Kuratorin Susanne Huber geben im Vorfeld Einblick in ein bewegtes Programm, das unter dem Motto «Tektonik» steht.
Für viele Kulturschaffende hat sich durch die Pandemie sehr viel verschoben: Pläne wurden durcheinander­gewirbelt, Veranstaltungen mussten abgesagt und Schutzkonzepte entwickelt werden. Auch Andri Probst, der seit 2018 Geschäftsführer des Musikfestivals Bern ist, sagt, dass vieles noch unklar sei. «Darf der belgische Künstler einreisen?» Solche Fragen treiben die Veranstalterinnen und Veranstalter weiterhin um. Nichtsdestotrotz: Das Programm steht und passt hervorragend zur aktuellen Weltlage. «Tektonik» lautet das Motto der diesjährigen Ausgabe. Der Begriff stammt aus der Geologie und bezeichnet die Bewegungen, die in der Erdkruste stattfinden. Wenn sich Platten verschieben, entstehen unter anderem Berge oder Erdbeben. Su­sanne Huber, die gemeinsam mit Martin Schütz, Thomas Meyer und Vera Schnider das Musikfestival kuratiert, sagt, dass ihr diesjähriger Gast, der 1955 in Hiroshima geborene Komponist Toshio Hosokawa erd­bebenerprobt sei. «Er hat sich in seinem Werk intensiv mit Erdbeben und ihren Folgen auseinandergesetzt», so Huber. So hat Hosokawa etwa den Opfern der Tsunami- und anschlies­senden Atomkatastrophe von 2011 in Fukushima unterschiedliche Kompositionen gewidmet. Darunter die Oper «Stilles Meer». Leider könne Hosokawa Coronabedingt nicht nach Bern kommen, führt Huber aus. «Er wird allerdings per Videobotschaften und in Form von Vorträgen am Festival teilnehmen.» An Hosokawas Stelle arbeitet nun das Arditti Quartett – das Ensemble in Residence des Festivals – mit Studierenden der Hochschule der Künste an Kammermusikwerken des Komponisten, die schliesslich in Form von Kurzkonzerten zur Aufführung kommen. «Die Ardittis kennen Hosokawas Werk bestens. Sie haben mehrere seiner Streichquartette uraufgeführt», so Huber.

Von Elektronik bis Klassik

«Es war uns wichtig, den Charakter des Festivals trotz Einschränkungen beibehalten zu können», sagt Andri Probst. Dass ein Sinfonieorchester mit grossem Chor nicht möglich sein wird, war rasch klar. Man habe sich für grosse Räume wie etwa die Reithalle entschieden, damit Sicherheitsabstände leichter eingehalten werden könnten. Doch originelle Schauplätze gehören nach wie vor zum Festival dazu. So wird etwa im Innenraum der Monbijoubrücke eine Performance stattfinden. Das Hyper Duo, bestehend aus Gilles Grimaître (Synthesizer) und Julien Mégroz (Perkussion) wird in Zusammenarbeit mit dem Licht- und Videokünstler Patrick Meury sowie dem Schweizerischen Erdbebendienst tektonische Verschiebungen erfahrbar machen. «Die seismischen Aktivitäten werden das Spiel des Ensembles beeinflussen», erklärt Huber. Solche Experimente sind typisch für das Festival, das sich als «Plattform für die freie Szene» versteht. «Wir sind stilistisch breit und integrieren Musik aus verschiedenen Epochen», so Huber, die seit 2016 beim Festival dabei ist. 2017 wurde die neue Struktur mit einem Kuratorium und einem Jahres- statt eines Zweijahresrhythmus eingeführt. «Wir konnten dadurch das künstlerische Profil schärfen», ist Huber überzeugt: «Wir sind kein Gastspielfestival. Das meiste wird spezifisch für Bern konzipiert.» Der sogenannte «Call for Project» richte sich dabei jeweils an Leute mit Bernbezug. Das Spektrum der Tektonik reiche vom absoluten Stillstand bis zum Tsunami. «Tektonik steht auch für Verwerfungen und Faltungen», so Huber. Das widerspiegle sich in der Musik unter anderem in Form von Stilbrüchen, Schichtungen oder klanglichen Transformationen. So würden der Schlagzeuger Peter Conradin Zumthor und der Klavierstimmer René Waldhauser in der Kirche St. Peter und Paul einem Konzertflügel Klänge entlocken, die man nie von diesem Instrument vermuten würde.

Von Bern bis Borneo

Eine weitere spezielle Spielstätte des Festivals ist der Dählhölzli-Wald. Hier wird eine Netzskulptur einen schwebenden Konzertraum bilden. Dabei schafft das Kollektiv Mycelium eine Verbindung nach Borneo, wo sich Bruno Manser, vor mehr als zwanzig Jahren, gegen die Abholzung und für den Lebensraum der Penan engagierte. Er machte damals Tonaufnahmen, die nun zu neuem Leben erweckt werden. Für Sehbehinderte ist eine taktile Führung eingeplant, während ein Taxidienst Gehbehinderte unterstützt. «Inklusivität ist uns wichtig», so Probst, aber es müsse jeweils ins Programm passen. «Einige Klang­experimente lassen wir live von einer speziell dafür ausgebildeten Dolmetscherin in Gebärdensprache übersetzen, damit die Musik auch für Hörbehinderte erfahrbar wird.» Das einzig Positive an Corona sei, dass der Vorverkauf mehr genutzt werde, so Probst abschliessend. Susanne Huber: «Wir haben viel Solidarität, Engagement und Flexibilität seitens der Musikerinnen und Musiker erlebt und unser Team ist noch enger zusammengewachsen.»

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