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Im Look der 90er- und mit Punk der 80er-Jahre: Das polnische Duo Siksa.© Piotr Nykowski
Dampfzentrale, Bern

Kinder der Neunzigerjahre

Die radikal-queere Band Siksa kommt samt Film in die Dampfzentrale. Das Duo setzt dem polnischen Konservativismus die Ästhetik und Wucht des Punk entgegen.

Eine Göre im Look der Neunzigerjahre begibt sich auf einen Flohmarkt. Sie verkauft Platten, eine Spielzeugpistole und ein Plastikpony. So beginnt der Film «Stabat Mater Dolorosa» von Spoken-Word-Poetin und Punksängerin Alex Freiheit und dem Bassisten Piotr Buratynski. Die zwei leben in der Kleinstadt Gnieźnie, der Geburtsstadt von Freiheit. Nun kommt das Duo mit dem Film und seinem Bandprojekt Siksa nach Bern. Freiheit erinnert sich an die Arbeit am Film, der 2017 entstand: «Es war eine Zeit, in der ich mutig genug war, meine 
persönliche Geschichte zu erzählen», sagt sie im Zoom-Gespräch. Es gehe um ein Mädchen, das in Polen lebe, meint sie lakonisch. Der Bandname «Siksa» bedeutet auf Polnisch «Mädchen, das naiv und laut, dümmlich und vulgär» ist. Im Film wie auf der Bühne erlaube ihr diese Kunstfigur, wieder ein Teenager zu sein, allerdings nach ihren eigenen Regeln.

Freiheit und Buratynski verorten sich in der radikalen Queer-Szene Polens. In dem konservativ regierten, katholischen Land, das zunehmend Frauen- und LGBTQIA-Rechte einschränkt, dürfte dies eine spezielle Sprengkraft haben. «Wir leben in einer Kleinstadt, aber wir glauben daran, auch hier so leben zu können, wie wir wollen.» So geben sie Konzerte und organisieren Protestaktionen.

Beide wuchsen in den Neunzigerjahren auf und lieben die Ästhetik einer Zeit, in der die Popkultur florierte. «Die Neunziger in Polen waren unglaublich. Plötzlich gab es alles. Mangas, Videos, Fashion», so Buratynski. Auch eine jüngere Generation blicke mit Nostalgie auf diese Zeit und reinterpretiere die Mode und Musik von damals, als mit dem Ende des Ostblocks Aufbruchstimmung herrschte.

Persönlich und politisch

«Wir wollten kein klassisches Musikvideo machen, sondern einen ganzen Film, eine Adaption unseres Albums», so Buratynski zu «Stabat Mater Dolorosa». Ein Budget für die Visualisierung der Songs, die die Wucht des Punks der 1980er-Jahre haben, gab es nicht. Vielmehr haben die beiden mit dem befreundeten Regisseur Piotr Macha zusammengearbeitet, ihre Freizeit geopfert. In dem schrägen Machwerk masturbiert ein Mann, es wird typisch polnisches Essen serviert und mit katholischer Symbolik gespielt. In den Songs dazu thematisieren Siksa Politisches, aber auch Persönliches, wie die Vergewaltigung, die Freiheit widerfahren ist.

Aktuell beschäftige sie sich mit Märchen und Tieren, so die Sängerin. Auf der Bühne imitiere sie mit ihrer Stimme mal eine Maus, mal ein Pferd. «Diese Tiere sprechen über Gewalt, die oft durch die Medien verharmlost wird», so Freiheit.

In Bern präsentieren sie und Buratynski nun sowohl ältere Songs als auch aktuelles Material. Zum Einsatz kommen beim Auftritt ihre Körper eine Bass-Gitarre, eine Stimme und Geräusche. Buratynski dazu: «Wir transportieren Gefühle wie Wut, Freude, Enttäuschung. Das sind Dinge, die man unabhängig von der Sprache, die man spricht, versteht.»

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