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Philipp Fankhauser geht wieder auf Tournee© Adrian Ehrbar
Zentrum Paul Klee, Bern

«Ich bin ein zum Glücklichsein tendierender Pessimist»

Philipp Fankhauser ist einer der aktivsten Schweizer Bluesmusiker. Mit seiner rauchigen Stimme und seiner Welterfahrung, die in seine Texte fliesst, singt er die Schwermut weg. «Let Life Flow» heissen Tournee und neue CD.

«Ich habe gar keine Option. Die Seele ist das Zentrum», sagt Philipp Fankhauser. «Menschen sind vor allem Seele.» Er sei oft gefragt worden, wie er als Weisser den Blues singen könne. Als gehöre diese Kunstform jemandem. «Ich weiss, Blues ist ein afroamerikanisches Kulturgut. Ich habe es mir, weil es existiert, für meinen künstlerischen Ausdruck geliehen. Meine Seele will sich in keiner anderen ausdrücken.» So macht Fankhauser denn auch nicht Blues, vielmehr ist er Blues. «Seit ich elf Jahre alt war, wusste ich, dass ich das machen will: Blues singen und spielen. Weil ich den Blues fühl(t)e.» Er sei kein absoluter Menschenfreund. «Ich bin eher ein zum Glücklichsein tendierender Pessimist.» Deshalb kopiert er nichts und niemanden. «Ich schreibe und singe meine eigenen Geschichten.» Fankhausers Texte handeln von Liebe, von Zuversicht, von Hoffnung. «Ich bin ein melancholischer Mensch. Der Blues gibt mir die Möglichkeit, dass ich mich besser fühle. Mit meiner Musik kann ich mich an mir selbst hochziehen.» Würde er himmeltraurige Lieder singen, so würden diese sein Publikum herunterziehen. «Ich will, dass sich die Zuhörenden besser fühlen nach dem Konzert.» Bluesmusik solle die Schwermut nicht noch verstärken. «Meine Konzerte sind kein Trauerspiel, vielmehr sollen meine Songs die Menschen aufrichten. Wie Tiramisu.» Er erwähnt Beispiele: «Try my love» oder «Members only».

Heiliger, heiterer Blues

«Der Blues hat etwas Heiliges, Heiteres auch.» Fankhauser erinnert an die Baptistenkirchen in den USA, ihre Tiefe, ihre Sinnlichkeit. Ihn fasziniert die Fähigkeit, selbst in der sogenannten Sünde Schönheit zu sehen. «Die Vollkommenheit des Gefühls der Liebe, des Verlangens, die Freude an nackter Haut zum Beispiel, werden gepriesen.» Und er sinniert: «Wahrscheinlich würde dort beim Anblick einer nackten Frau eher gesungen ‹we saw the beauty of the life›, als dass Nacktheit, wie es hierzulande geschah, verteufelt würde.» Diese Lebens-Innigkeit will er weitergeben, selbst leben. Sie mit seiner Musik erleben.

«Der Kuss ist meine grosse Hassliebe»

Dass ihm dies gelingt, weiss der Seelenvolle längst. Oft kämen Fans nach dem Konzert zu ihm und wollten ihn am liebsten umarmen, weil er sie mit seiner Musik zu berühren vermochte. Das freue ihn sehr, sagt er, aber er sei eher zurückhaltend in Bezug auf körperliche Berührungen. «Der Kuss ist seit jeher meine grosse Hassliebe.» Gerade in Zeiten von Covid-19 sei er vorsichtig. Fankhauser gehört zur Risikogruppe, dahin katapultierte ihn der nun erfolgreich in Schach gehaltene «Morbus Bechterew», eine entzündliche, rheumatische Krankheit. Zudem sei er sowieso ein Hypochonder. «Auf der Bühne bin ich den Menschen nah und trotzdem von ihnen getrennt.» Und so sei es ihm wohl. «Ich bin kein so Kuscheliger.» Er staune, wie sozial zum Beispiel Polo Hofer in Bezug auf seine Fans gewesen sei. «Ich bin diesbezüglich nicht ganz so zugänglich wie er.»

Seelenverlust

Als er jung gewesen sei, habe er sich vorgenommen, Bluesmusiker zu sein, bis er ins Grab falle. «Vielleicht habe ich diese Zeitspanne etwas unterschätzt», sagt er. «Bis ich 80 bin, muss ich noch 24 Jahre durchhalten.» Die Coronakrise habe ihn getroffen. «Der Lockdown beängstigte mich.» Er sei von Natur aus ein «Grübler». In den ersten zwei Wochen sei er ratlos gewesen. «Ich befand mich in einer Art Schockstarre.» Danach habe er sich gefangen und habe das Entschleunigende gar geniessen können. Trotzdem. Das Gefühl der Apokalypse sei schräg gewesen, dazu kam: «Mit 20 machst du dir keine Gedanken zur AHV, mit 56 schon.» Sein Leben sei voll und ganz auf die Musik ausgerichtet. «Meine Band ist meine Familie.» All die Konzerte abzusagen sei hart gewesen. Und dies, als gerade die neue CD erschien. «Alles, was ich habe, ist der Blues. Ich hatte während der Zeit keinen Ausgleich.» Die Gitarre ist Philipp Fankhausers Leben. Und Trevor natürlich. Der mittlerweile fünf Jahre alte Mops, der sich eher wie eine Katze verhält: «Ich lasse ihn raus, er spaziert durchs Dorf, und irgendwann kommt er wieder.»

Aber nicht vor allem die Angst in Bezug auf das Virus – «diesbezüglich hat sich unsere Regierung in meinen Augen vorbildlich verhalten» – beschäftigt Fankhauser. «Die Welt ist bizarr geworden.» Klar, er wisse, dies hätten jene, die älter würden und auf einmal feststellten, dass die aktuelle Jugend so anders ist als ihre eigene es war, immer schon so empfunden. «Und trotzdem ist es anders als zuvor. Die Welt ist verrohter, härter, fremder geworden.» Fankhauser sinniert über den Krieg in manchen Ländern, über täglich fallende Bomben, über Blei im Wasser, das die Menschen genauso umbringt. Über Rassismus, Hunger. «Uns geht’s hier in der Schweiz gut. Das muss man doch einfach sehen.» Dass ihn die Situation auf der nur scheinbar überschaubar gewordenen Welt beschäftigt, leugnet er nicht. «Welt und Leben scheinen wieder an Wert verloren zu haben. Wo sind Respekt, Würde, Werte? Wo ist die Seele? Ds Läbe schiint kes 5-i meh wärt d si.» Vielleicht klingt deshalb seine Stimme so soulig. Seelenvoll eben.

Trub, Thun, Tessin, Texas

Philipp Fankhauser hat seine frühe Kindheit in Thun verbracht. Seine Kindheit und Jugend später mit der Mama im Tessin. Sein Heimatort ist Trub im Emmental. Später kam er zurück zu seinem Vater nach Thun, traf seinen Bruder Christoph wieder. «Mein Papa las mir oft Bücher von Rudolf von Tavel vor.» So sei die deutsche Sprache wichtig geworden für ihn.

Am Anfang habe ihn der Name Fankhauser in Bezug auf das Musikmachen eher irritiert, «doch er schien für niemanden ein Problem zu sein». Der Name werde vom Wort Fanghaus hergeleitet. «Dort hinein hat man früher die tollwütigen Tiere gesperrt.»

1981 erschien Philipp Fankhausers erste Platte. Zu Beginn seiner Musikerkarriere und während der Zeit seiner Checkerboard Blues Band folgte er seinem späteren «Mentor» Johnny Copeland, der 1997 starb, in die USA, nach New York. In den Vereinigten Staaten blieb er sieben Jahre, bis ins Jahr 2000. Dort lernte er Grössen wie BB King persönlich kennen, trat mit manchen von ihnen auf, sang, spielte, lernte. Schlug sich durch. Neben der Musik zum Beispiel als Tour-Guide für Harley Davidson. Trat auch hierzulande mit zig Grössen auf. Spielte bereits in Hans Zurbrüggs «Jaylin’s», mit Margie Evans zum Beispiel, lange bevor daraus das «Marians» wurde. In der Schweiz und Europa gibt er, in gesunden Zeiten, an die hundert Konzerte im Jahr.

Nun ist Philipp Fankhauser wieder unterwegs. Seine neue CD und seine Tournee (siehe Box) tragen denselben Namen: «Let Life Flow». Da kann nur ergänzt werden: «Yes, it should flow.»

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