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Ariane von Graffenried ist ein Teil von Fitzgerald & Rimini.© Robert Aeberhard

«Ein guter Text muss klingen»

Ariane von Graffenried ist die schreibende und performende Hälfte des Spoken-Word-Duos Fitzgerald & Rimini. Im neusten Album, «50 Hertz», geht es um Störgeräusche und störende Frauen. Ausserdem beschäftigt sie sich gerade mit den Schildbürgern.

Ariane von Graffenried kommt mit dem Velo zum Treffen in der Café-Bar Adrianos. Corona-bedingt soll das Gespräch draussen stattfinden. Die Autorin bringt ein Exemplar von «50 Hertz» mit. Dem Buch liegt eine CD bei, das neuste Album von «Fitzgerald & Rimini», dem Spoken-Word-Duo – bestehend aus von Graffenried und dem Musiker und Klangkünstler Robert Aeberhard –, das seit 2005 besteht. Die beiden haben im Sommer vom Kanton Bern den Literaturpreis erhalten. Störgeräusche wie das titelgebende 50-Hertz-Brummen, das normalerweise der Horror jedes Tontechnikers ist, werden dabei gewürdigt und zu Musik erhoben. Auch eine knarrende Tür ist dabei. «Uns hat vor allem interessiert, warum etwas stört», so von Graffenried. Inhaltlich geht es um acht, zum Teil reale, zum Teil fiktive Frauenleben, die zu ihrer Zeit in irgendeiner Weise gestört haben, heute aber möglicherweise anders bewertet würden. «Einsamkeit in Eigenregie ist das respektierte Los der Gouvernante» – so fasst von Graffenried das Leben der gefürchteten Fräulein Rottenmeier aus Johanna Spyris Roman «Heidi» zusammen. «Fräulein Rottenmeier kommt in dieser Geschichte sehr schlecht weg. Als Gouvernante hatte sie es wohl nicht leicht. Gleichzeitig gehörte sie zu den ersten Frauen, die einen bürgerlichen Beruf hatten und unabhängig von einem Mann lebten», begründet von Graffenried ihr Interesse an dieser Figur.

Aristokratische Vampire

Den Musiker Robert Aeberhard kennt von Graffenried seit ihrer Kindheit. Als sich die Beiden an der Universität wieder trafen, hätten sie angefangen, gemeinsam aufzutreten. Von Graffenried, die ein Mitglied der Autorengruppe «Bern ist überall» ist, gehört zu den Pionierinnen der Kunstform Poetry Slam. Sie habe als Studentin unter anderem für das Magazin «Megafon» der Reithalle geschrieben. Aus dieser Zeit stammt auch der Name Fitzgerald, weil sich damals alle, die für diese Zeitschrift schrieben, ein Pseudonym zulegten. «Heute trete ich als Ariane von Graffenried auf». Die Tochter des Fürsprechers und Verlegers Charles von Graffenried (1925 - 2012) schrieb auch für die «Woz» und die «Taz» und probierte sich in allen Genres von der Reportage bis zur Glosse aus. Die Frage, ob die Tatsache, von einem so bekannten Berner Geschlecht abzustammen, ihr Türen geöffnet habe, sei schwer zu beantworten, findet sie. «Es kann von Vor- und Nachteil sein.» Sie spricht lieber über ihre Kunst als über ihre Herkunft. «Wir leben schliesslich nicht mehr in der Feudalzeit. Ausserhalb von Bern ist der Name wenig bekannt.» Ein wenig blaues Blut verspritzte die Autorin im ersten Album von Fitzgerald & Rimini dennoch. In «Aristokratie & Wahnsinn» (2011) geht es in einem Stück um zwei adlige Vampire, die aus einem Film gefallen sind und nun orientierungslos durch das Berner Mittelland stolpern.

Sicht einer Diakonissin

Einen Bernbezug gab es auch in von Graffenrieds erstem Erzählband, «Fleur de Bern» (2010), der ihre für die Zeitung «Der Bund» geschriebenen Stadtkolumnen zusammenfasste. Dabei blickte sie aus der Sicht einer Diakonissin auf ihre Stadt und liess die Frau im Hübli auch mal bei der Reitschule vorbeischauen. Alleskönnerin von Graffenried hatte eine reale Vorlage: Eine Diakonissin holte sie einst ans Licht der Welt. «Ich fand ein Bild der Frau im Familienalbum und es faszinierte mich.» Doch nicht nur das Lokale, auch die weite Welt inspiriert die Autorin. Für «Grand Tour» (2015), das zweite Album von Fitzgerald & Rimini begaben sich die Wort- und Klangkünstler auf Europatournee. Von Graffenried fand in Brüssel ein «Sprachbad», ganz nach ihrem Geschmack. Die Autorin switcht in ihren Texten gerne vom Berndeutschen ins Französische, Englische oder, falls nötig, auch Russische oder Albanische. Der Begriff Muttersprache sei überholt, findet sie. Alle Sprachen, die wir sprächen, seien erlernt. «Dr Dialäkt chläbt mer a dr Zunge», heisst es in einem ihrer Sprechtexte, der kurz darauf ins Französische kippt. «Man braucht keinen Dekodierungsstress zu haben bei unseren Auftritten. Man kann das einfach auf sich wirken lassen.»

Sprechende Tiere und Schildbürger

Von Graffenried sagt: «Ein guter Text muss klingen.» Doch ebenso wichtig sei das narrative Element in ihrer Kunst. Die 42-Jährige ist eine begnadete Geschichtenerzählerin und Figurenerfinderin. Während des Schreibprozesses sei es jeweils, als laufe sie hinter der Figur her. Die Frage zu beantworten, ob sie bei den Auftritten sich selbst oder eine Kunstfigur sei, fällt ihr schwer. «Man ist sich selbst und auch alle anderen Figuren, denen man eine Stimme verleiht. So ist das doch immer bei Literatur.» Gemeinsam mit ihrem Lebenspartner, dem Autor Martin Bieri, schrieb sie 2018 das Weihnachtsmärchen für Konzert Theater Bern. Basierend auf «Don Quijote» entstand «Donkey der Schotte und das Pferd, das sich Rosi nannte.» Sie hätten das Stück gewissermassen vierhändig geschrieben, so von Graffenried. Dabei wurde die Geschichte, wie der Titel es bereits suggeriert, aus der Sicht des Esels und des Pferdes, statt aus jener von Don Quijote und Sancho Panza erzählt. «Es ist toll, das eigene Stück auf der Bühne zu sehen.» Mit Abweichungen müsse man umgehen können, wenn man fürs Theater schreibe, so die promovierte Theaterwissenschaftlerin. Zurzeit schreibt sie wieder, gemeinsam mit ihrem Partner, im Auftrag des Konzert Theater Bern ein Stück, das voraussichtlich im Februar in den Vidmarhallen zur Uraufführung kommt. Das Autorenpaar schreibt an einer Adaptation der Schildbürgergeschichten aus dem 16. Jahrhundert. Die «Dummen Kerle» dürften vielen noch aus der Schulzeit bekannt sein. Die Schildbürger wohnen im fiktiven Ort Schilda und sind Hauptakteure einer Reihe von Erzählungen, die man als «Schildbürgerstreiche» kennt. So suchen sie etwa einen Platz, um ihre Kirchenglocke zu verstecken, damit diese während des Krieges nicht von Plünderern geraubt wird. Sie wollen die Glocke schliesslich in einem See verstecken und nach Kriegsende wieder hervorholen. An der Stelle im See, wo die Glocke liegt, macht ein besonders Schlauer eine Kerbe ins Boot, um die Glocke zu gegebener Zeit wiederzufinden – die natürlich nie mehr gefunden wird. «Es sind Geschichten über Dummheit», so von Graffenried. Versteht sich von selbst, dass sich auch heutige Bürger – von Bern oder irgendwo auf der Welt – in diesen Streichen wiederfinden können.

www.fitzgeraldrimini.ch

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