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Ueli Schmezer (2. v. l.) mit seinen Mitmusikern von MatterLive: Nick Perrin, Michel Poffet und Andy Pupato (v. l.).© ZVG

«Das bessere Argument zählt»

Seit 25 Jahren ist Ueli Schmezer Moderator des «Kassensturz». Allein für das Konsumentenmagazin stand der Journalist über 1000 Mal vor der Kamera. Genauso leidenschaftlich ist der Vater dreier Söhne Musiker, Kolumnist und emotionaler Denker.
«Probleme kann man mit Denken lösen», sagt Ueli Schmezer, der einst Deutsch und Englisch studierte und Ökonomie zum Lebensfach machte. «Die Ratio ist ein wichtiges Instrument.» Schmezer glaubt an die Werte der Aufklärung. «Heute sagen alle, es gebe stets mehrere Wahrheiten.» Für ihn gebe es meist eine. «Man muss unterscheiden», sagt er. «Das eine ist die Wahrnehmung, das andere ist das Anerkennen der Realität.» Wo unterschiedliche Wahrheiten diskutiert würden, gebe es kaum Berührungspunkte. «Eine Gesellschaft muss sich darauf einigen, was die Wahrheit ist. Ansonsten können wir keine Realität gestalten.»

Zuerst kommt immer der Mensch

«Ueli Schmezer, ich hörte, Sie hätten gerade den ‹Master of Law› abgeschlossen. Sie sind nun, mit 59, «Lehrer der Rechte». «Darüber spreche ich nicht so gern.» Er habe das Studium vor allem für sich selbst gemacht. Juristisch-ökonomisch-philosophische Themen lassen ihn aufleben. Zur
Zeit liest er drei Bücher parallel: «Arbeits- und sozialversicherungsrechtliche Fragen der Sharing Economy. Darin gehts um Problemstellung und Lösungsansätze bezüglich der Erwerbstätigkeit.» Und: «Gegen den Strom der Finsternis», eine Erzählung von Charlotte Weber, die in den Jahren 1942 bis 1945 als Betreuerin in Schweizer Flüchtlingsheimen tätig war. Und: «Glück. Die Sicht der Ökonomie». «Glück, im Sinne von Zufriedenheit, hängt nicht von Geld und Wohlstand ab.» Dies sei zwar nicht neu. «Dennoch verhalten wir uns hierzulande so, als wäre dem so.»

Hingabe an Mensch und Sache

Ueli Schmezer ist einerseits ein rationaler Mensch. Weil Widersprüchlichkeit aber Synonym für Menschsein ist, wird auch er durch Sensibilität und Sensivität ganz. Und diese sind ausgeprägt. «Ich spüre intensiv, was Menschen denken und fühlen.» So reagiere er auch enorm emotional auf Musik, die ihn anspreche. «Musik weckt in mir Reminiszenz.» Schmezer lässt sich berühren. Reflektiert. Sinniert. «Was halten Sie vom Scheitern, Ueli Schmezer?» «Aus Fehlern lernt man. Ich denke, wenn Menschen über alles reden können, so werden sie auch nicht scheitern.» Schwierig werde es, wenn sich jemand schlecht ausdrücken könne. «Wenn man zusammen spricht, seine Bedürfnisse formuliert, findet man meistens Lösungen. Und wenn es so nicht klappt, probiert man es halt auf eine andere Art.»

Nachdenklicher Mensch

Und wie geht er mit Kritik um? «Der Umgamg mit Kritik gehört zum Beruf des Journalisten. Ein Feedback zu erhalten, betrachte ich als Privileg.» Kritik anzunehmen bedeute Reife. Auch, eine Kritikkultur zu pflegen. «Wer nicht zu bequem ist, sich mit Kritik auseinanderzusetzen, lernt viel.» Bei allem, was er tue, erhalte er ein direktes Feedback: Ob er Kolumnen schreibe, ob er singe oder moderiere. «I überchumes fadegrad.» Ja klar, werde er manchmal auch im Rahmen seines Jobs angegriffen. Sein Job sei diesbezüglich schon ein «Verschleissjob». «Ich kann aber damit umgehen, sonst würde ich ihn längst nicht mehr machen», sagt der Engagierte. «Ich habe Herzblut dafür.» Oder auf Berndeutsch: «I seckle für dä Job.» Er, als sozialer Mensch, leide erst dann, wenn es nicht mehr um das Argument gehe. Auch privat, in der Familie, werde diskutiert. «Das gute Argument, das bessere Argument, zählt, nicht die stärkere Interessenvertretung.» Schmezer ist ein nachdenklicher Mensch, der gern «den Dingen hinterherstudiert», wie er sagt. Und der sagt, was er denkt – auch das Gute, das so oft für selbstverständlich genommen und deshalb verschwiegen werde. So bedanke er sich bei der Frau am Schalter für ihre Dienste oder bei der Lokführerin. «Dafür, dass sie mich gut von Bern nach Zürich gebracht hat.» Selbstkritisch sei er auch, ja. Er sehe sich ja mindestens einmal pro Woche vor der Kamera. «Ich sehe, dass ich älter werde, wo ich beruflich stehe. Ob ich den Job noch gut mache. Ich schaue nicht plötzlich in den Spiegel und erschrecke, dass ich so alt geworden bin.»

Matter-Live-Konzert – trotz Corona

Schmezer will in die Tiefe. In die Höhe. In die Breite. Er will ausloten, erleben, erfühlen, wissen, mitteilen, vermitteln, weitergeben. Um seinen Geist auszubalancieren, fährt er Mountainbike. Oder Motorrad. Und vor allem: Er macht Musik. Und dies bereits lange bevor er zum Fernsehen kam. Er war wahrscheinlich der erste Rapper der Schweiz. Ihn als Musiker kennen die Erwachsenen ebenso – durch die Band MatterLive – wie die Kinder. «Chinderland» gibt es schon seit zwanzig Jahren. Zig Konzerte gab er für die Kids, mit Songs wie «Bagger» oder «Mi Insle».

Zu Beginn habe es schon geheissen, «jetzt macht der auch noch Musik», so Schmezer. «Weil die meisten nicht wussten, dass ich schon 1983 TV-Auftritte hatte.» Vermisst er die Bühne nicht, in diesen schwierigen Coronazeiten? «Darum geht es doch nicht. Entweder willst du auf die Bühne, um etwas zu geben, oder um zu nehmen.» Er wolle geben. «Dadurch erlebe ich enorm intensive Momente mit dem Publikum, unglaublich fokussierte Augenblicke.» Er sei sicher, die Zuhörerinnen und Zuhörer spürten das. Um den Fans von MatterLive das alljährliche Konzert nicht vorzuenthalten, initiierte Schmezer ein exklusives Streaming-Experiment: Familien, die einen gewissen Betrag bezahlten, konnten das Konzert live am Bildschirm verfolgen. Dafür engagierte die Band eine Bildregie und eine Tonregie. «Es ging darum, 20 Haushalte zu gewinnen, die an diesem Event teilhaben würden.» Denn so viele brauchte es, um den Anlass durchzuführen. «Wir wollten keine Entschädigung des Kantons in Anspruch nehmen. Wir bevorzugten es, trotz allem zu spielen und einen anderen Weg zu finden.» Und den fand die Band: Die vier Musiker und Sänger Schmezer gaben alles, Publikum vor Ort hin oder her. Der Musiker Nick Perrin liess Teile von Flamenco-Palos (Themen) in sein Gitarrenspiel einfliessen, Andi Pupato an der Perkussion schuf dazu den Boden, Jazz-Kontrabassist Michel Poffet rundete Musik und Gesang ab. Und Ueli Schmezer stellte sich gut gelaunt und in bester Schmatter-Manier (Schmezer/Matter) seinem virtuell-imaginären Publikum.

Songs leben weiter

Gern erinnert sich Schmezer an die Herausgabe der ersten CD. Dies sei etwas Persönliches. «Kunst kommt aus dir raus. Du gibst dich in sie hinein. Gibst die Kontrolle ab. Deine Songs werden dann von anderen bewertet. Und wenn ein Song auf CD gebannt ist, kannst du nichts mehr korrigieren.» Dies Loslassen sei eine wesentliche Erfahrung. Auf der Bühne wüchsen die Lieder schliesslich weiter, entwickelten ein Eigenleben.

Obwohl er beruflich für die Konsumenten einstehe, empfinde er es persönlich nicht per se so, dass der Konsument stets recht habe. Gerade in Bezug auf das Urheberrecht geschehe zurzeit eine grosse Enteignung. «Die Konsumierenden wollen alles kostenfrei aus dem Netz konsumieren.» Dies sei zwar ökologisch, da es keine CDs brauche, für die Kulturschaffenden aber finanziell verheerend. «Der Preis für den Wert der Musik muss angepasst werden. Es ist nicht richtig, dass eine Branche nicht mehr sauber entschädigt wird.»

www.uelischmezer.ch
www.matterlive.ch

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