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Victor Wanderley, Vorsitzender der Schulleitung des Konsi Bern.© Frederike Asael

«Die Wahl eines Musikinstrumentes geschieht oft intuitiv»

Victor Wanderley ist Vorsitzender der Schulleitung des Konservatoriums Bern. Im Gespräch erzählt er, warum das Musizieren für alle Kinder wichtig ist und wie er und sein Team die Schule ins 21. Jahrhundert führen wollen.
«Kochen, mittagessen, träumen, im Hintergrund läuft Musik.» So lautet eine Zeile in Victor Wanderleys Gedicht auf Englisch, das er passend zu seinem rein instrumentalen Stück «Sundays Headaches» geschrieben hat. Der Abgesang auf das zu Ende gehende Wochenende hört sich auf schöne Art und Weise verhangen und melancholisch an. Wanderley hat das Album «Wonderland», auf dem sich der Track befindet, 2017 aufgenommen. Die Stücke hat er selbst komponiert, er ist in Begleitung von Gitarre und Percussions am Saxofon zu hören.

Ein neues Album ist in nächster Zeit nicht geplant, da Wanderley im Moment vor allem mit Managementaufgaben beschäftigt ist. Der 48-Jährige ist Vorsitzender der Schulleitung des Konservatoriums Bern, wo er ein Schulleitungsteam von «fünf gleichgestellten Personen moderiert», wie er es ausdrückt. Der Teamgedanke sei ihm wichtig. Die Schule ist nach dem diesjährigen Abgang des Direktors Gerhard Müller neu aufgestellt und ihre Führungsstruktur hat sich geändert.
«Für die vielfältigen Herausforderungen und die zahlreichen Partner, die wir haben, ist es von Vorteil, die Verantwortung zu verteilen», so Wanderley, der seit sechs Jahren am Konsi tätig ist. Er vergleicht sein Team mit einer Band. «Jedes Instrument ist wichtig.» Man spreche zwar vom Gleichen, aber jeder habe eine andere Perspektive.

Das 1858 gegründete Konservatorium war einst eine Hochschule; seit 20 Jahren hat es den Status einer Musikschule, die Unterricht für alle Altersstufen anbietet. Rund 150 Lehrpersonen und an die 3000 Lernende gehen in dem Gebäude an der Kramgasse ein und aus.

Liebe zum Jazz

Die Kolleginnen und Kollegen in Wanderleys Team haben verschiedene Fachbereiche, die sie unabhängig voneinander betreuen. Wanderley ist verantwortlich für Blas- und Gitarrenmusik sowie für Schlagzeug. Ausserdem kümmert er sich um die Förderung von Pop, Rock und Jazz.

Wanderley selbst entdeckte seine Liebe zur Musik früh. Sein Vater besass eine grosse Sammlung von Brazil-Jazz-Platten. «Ich war knapp zehn Jahre alt und hörte alles rauf und runter», erinnert er sich daran, wie er den Jazz für sich entdeckte. Saxofonisten wie Wayne Shorter oder Jan Garbarek beeindruckten den Sohn eines Brasilianers und einer Zürcherin besonders. Er brachte sich schliesslich selbst das Saxofonspielen bei.

«Ich spielte bereits mit zwölf Jahren in einer Band und trat öffentlich auf», so Wanderley, der im Zürcher Limmattal aufgewachsen ist. Erst im Gymnasium hatte er schliesslich einen Lehrer. «Die Wahl eines Instruments geschieht of intuitiv.» Wenn man es ernsthaft betreibe, werde es ein langer Weg, so dass man seinem Instrument irgendwann zwangsläufig treu bleibe.

«Durch meine frühen Auftritte habe ich gelernt, dass mit dem Pu­blikum ein Austausch stattfinden muss.» Musik sei Kommunikation. «Daher hatte ich als Musiker immer eher einen melodiösen Ansatz, ohne zu viele Exkurse», erklärt Wanderley. Auch als Vorsitzender der Schulleitung gibt er nicht einfach den Takt an, sondern sucht vielmehr den Konsens. «Jede und jeder soll sich integriert fühlen.»

Die Lehrpersonen würden am Konservatorium in ihrer Individualität unterstützt und könnten eigene Ideen haben. Trotz dieser demokratischen Haltung hat Wanderley klare Ziele. «Wir müssen unternehmerisch denken, damit das Konservatorium ins 21. Jahrhundert geführt werden kann. Und wir müssen von der Bevölkerung als innovativ wahrgenommen werden.» Dass dies gelinge, habe die Schule in der Coronakrise bewiesen.

«Alle unsere Lehrpersonen haben innerhalb von zwei bis drei Tagen den Unterricht in digitaler Form angeboten.» Zurzeit könne wieder Präsenzunterricht stattfinden, allerdings mit Maskenpflicht und dem nötigen Abstand. «Aber die Konzerte, die bei uns regelmässig stattfinden, streamen wir.»

Jedem Kind ein Instrument

Ist das Musizieren am Konsi nicht vor allem etwas für Kinder aus gutbürgerlichen Familien? «Nein. Nein. Nein», widerspricht Wanderley vehement. Bern sei ein vielfältiges Pflaster mit musikinteressierten Kindern aus allen sozialen Schichten. Die Stadt Bern unterstütze etwa die Idee, dass Musik für alle zugänglich sein sollte und vergebe einkommensabhängige Stipendien.

Das Konservatorium ist im Berner Westen mit dem Projekt JEKI – jedem Kind ein Instrument für die Stiftung Jekibern aktiv, um weniger privilegierte Kinder zu erreichen. «Wir haben ein Programm entwickelt, wobei jeweils ein Gesangslehrer oder eine Gesangslehrerin von uns erste und zweite Klassen an Volksschulen besucht, um mit den Kindern zu singen. Im Rahmen dieses Projektes können Kinder in Gruppen von zwei oder drei Teilnehmenden zu einem vergünstigten Tarif ein Instrument lernen», so Wanderley.

Für alle Kinder bietet das Konservatorium einen sogenannten Parcours an, wobei Kindern und Eltern verschiedene Instrumente vorgestellt werden, die man auch selbst ausprobieren kann. «Wir wollen das Interesse der Kinder unterstützen und sie auf ihrem Forschungsweg zur Musik begleiten.» Unter den Lehrpersonen gebe es solche, die ihr ganzes Leben am Konservatorium verbracht hätten. «Sie waren selbst Schülerinnen und Schüler, haben hier studiert und unterrichten nun ihrerseits», so Wanderley.

Er ist überzeugt: «Musik kann extrem viel leisten für die Menschen.» Kinder etwa lernten, selbstständig zu sein, da sie an sechs Tagen in der Woche alleine üben, und nur einmal mit ihrer Lehrerin oder ihrem Lehrer. Die Schweiz sei punkto Pädagogik ziemlich visionär, was ihm im Austausch mit anderen Musikschulen jeweils bewusst werde. «Wir lassen die Kinder ihren eigenen Weg gehen.»

«Hey that’s me!», heisst ein von Wanderley komponiertes Stück, das dieses Plädoyer für Individualität zu unterstreichen scheint. Nebst der Musik gilt seine Liebe der Natur und Portugal, wo er seine zweite Muttersprache sprechen kann, ohne gleich nach Brasilien fliegen zu müssen, was er aus ökologischen Gründen kaum tut.

Wanderley ist verheiratet und lebt im Berner Länggassquartier. Eine Zeit lang lebte er in Zürich, wurde aber mit der Stadt nie ganz warm. «Ich hatte das Reissen in Richtung Westen», sagt er augenzwinkernd.

www.konsibern.ch

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