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Regisseur Stefan Haupt ging vier Jahre lang der Frage nach, was das für eine Zeit ist, um am Leben zu sein.© Xenix Filmdistribution GmbH
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«Was liegt in der Luft?»

In Stefan Haupts Filmessay «Zürcher Tagebuch» spricht der Filmemacher zwischen Januar 2016 und März 2020 mit seinen Mitmenschen, die in Zürich leben. Er webt Persönliches und Politisches zusammen und fängt einen Zeitgeist ein.

 

In Zürich leben über 415 000 Menschen. Einer davon, der Filmemacher Stefan Haupt («Zwingli», 2019), ist hier aufgewachsen und hat hier seine Familie gegründet. In seinem dokumentarischen Filmessay «Zürcher Tagebuch» fragt er seine Mitmenschen – enge Familienangehörige und andere, bekanntere und weniger bekannte Gesichter –, was sie beschäftigt. «Was liegt in der Luft?» fragt die Off-Stimme. Wer eine definitive Antwort darauf möchte, der wird diese missen. So muss sich das Publikum in das Filmessay zuerst einmal einfinden und die Erwartung an einen thematischen Handlungsstrang runterschrauben. Denn um einen Zeitgeist einzufangen, was Haupt mit seinem verfilmten Tagebuch von Januar 2016 bis März 2020 tut, reicht nicht eine einzige Erklärung.

Privilegiert, aber ohnmächtig

Haupt und seine Familie hätten Glück gehabt, da sie im teuren Zürich in einer bezahlbaren Wohnung leben würden. «Hätte die Stadt nicht Boden gekauft, dann wäre Zürich das Monaco der Schweiz und der Mittelstand wäre verschwunden», sagt die SP-National­rätin Jacqueline Badran im Film überzeugt. Ökonomische Verhältnisse, Leid und Privilegien beschäftigen den Filme­macher. Er spricht mit dem aus Afghanistan geflüchteten Muzafar Shafai, der in Zürich als Koch arbeitet und seine Familie in der Heimat vermisst. Auch der porträtierte IT-Ingenieur Pascal Faivre fühlt sich ähnlich ohnmächtig: «Alle sagen: Syrien, ganz schlimm! Aber wenn in der Schweiz individuell die Möglichkeit besteht, etwas zu tun, dann wird eine Initiative für das Verbot von Waffenexporten doch lieber abgelehnt.»

Auch Haupt selber fragt sich, was er als Einzelner denn tut. Während er auf dem Hometrainer sein Fitness­programm durchführt, sieht er auf dem integrierten Bildschirm Kriegsszenen. «Wohin mit diesen Bildern, mit diesem Wissen?», fragt er sich.

Persönlich und politisch

Haupt sucht auch in seinem privaten Umfeld nach Antworten und bringt eine ganz persönliche, philosophische Perspektive in sein Tagebuch. Seine Tochter überlegt sich im ersten Interview noch, dass es doch merkwürdig sei, dass dieser Zeitpunkt jetzt nie wieder sein würde. Im letzten, 3 Jahre später, engagiert sich die 12-Jährige an den Klimastreiks. Er erinnert sich an die Demenz seiner Grossmutter gegen Ende ihres Lebens, spricht mit seinen Eltern im Altersheim über das lange Zusammensein und erinnert sich schlussendlich an das ungeahnte Glücksgefühl, selbst Vater zu werden.

«Zürcher Tagebuch» verbindet höchst-Persönliches mit Abstrakt­Politischem, ist eine Selbstreflexion von Menschen aus der Stadt Zürich und setzt sie in den globalen Kontext.

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