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In «Pink Narcissus» zelebriert James Bidgood homoerotische Fantasien.
Innenhof Reitschule, Bern

Pinke Sommernachtsträume

Es wird warm im Innenhof der Reitschule: Die Kino-Reihe «Hot Boy Summer» schwelgt in Klassikern des schwulen Experimentalkinos. In Stimmung bringt der Kultfilm «Pink Narcissus» aus dem Jahr 1971, der den männlichen Körper feiert.

Veranstaltungsdaten

MI 24.08.2022 21.30
MI 31.08.2022 21.30

Mondschein, nachtaktive Schmetterlinge und der nackte junge Pan im Gras, der sich bald in einem pink erhellten Spiegelkabinett wiederfindet und in homoerotischen Fantasien verliert: Der gut 60-minütige, schwülstig-schwel­gerische Bilderreigen «Pink Narcis­sus» eröffnet das «Hot Boy Summer»-Kino im Innenhof der Reitschule. Der 1971 erschienene Experimentalfilm ist eine Feier des männlichen Körpers und des homosexuellen Begehrens, seine Ästhetik bis heute stilbildend für schwule Fotografie und Filmkunst à la Pierre et Gilles. Die opulent inszenierten, homoerotischen Metamorphosen, die Protagonist Pan, ein knabenhafter Sexarbeiter, in seinen Tag­träumen durchläuft, zeigen ihn mal als Torero im Glitzerkleid, dann ist er römischer Sklave, bald wird er zum Haremsbesitzer auf der Sänfte, der sich von einem nur mit Perlenketten bekleideten Mann betanzen lässt.

Kitschy-Glitz-Exzess

Zum Nimbus von «Pink Narcis­sus» trug zusätzlich bei, dass er anonym veröffentlicht wurde. Auch Andy Warhol wurde zeitweise als Macher hinter dem Kitschy-Glitz-Exzess vermutet. Erst Mitte der 90er-Jahre äusserte sich der eigentliche Autor, der Dragkünstler, Männerakt-Fotograf und Bühnenbildner James Bidgood, zur Entstehung des Films. Die Szenen filmte er im Laufe von sieben Jahren überwiegend in seiner New Yorker Wohnung in Hell’s Kitchen. Kulissen, Kostüme und Props fertigte Bidgood selbst an, die meisten Darsteller fand er unter den Strichern in seinem Viertel, andere, darunter auch heterosexuelle Männer, sprach er auf der Strasse an.

Bobby und die 8-mm-Bolex

Sein lasziv-knabenhafter Hauptdarsteller Pan, dessen Körper er aus diversen Winkeln mit der 8-mm-Bolex-Filmkamera absuchte, und den er so als modernen Epheben verewigte, war, wie auch im Film, Sexarbeiter – und Bidgoods langjähriger Lebenspartner, dem er den Künstlernamen Bobby Kendall gab.

«Pink Narcissus» ist ein Bilderrausch in Pink, gleichzeitig aber auch ein Zeitdokument, das die prekäre Lebenslage der Sexarbeiter jener Zeit als Groteske ins Bild setzt. So zeigt der Film eine mehrminütige Sequenz vor überzeichneter Times-Square-Kulisse, in der rollende Händler Dildos feilbieten und junge Männer ihre entblössten Körper in Schaubudenmanier zu Markte tragen. «Es gab all diese verbrannten Strichmännchen, die von Drogen gezeichnet waren, die überall hingen, in Autos, in Hauseingängen, und die gegen sieben Dollar in der 42th Avenue ihr Blut spendeten – das war vor Aids, es war schrecklich, dass die Menschen Blut verkauften, um zu essen», erinnerte sich Bidgood später im Rückblick auf das Manhattan der späten 1960er-Jahre.

Er habe mit seinem Film vor allem eine «Hommage an schwule Wichsvorstellungen» erschaffen wollen, meinte er in einem seiner raren Interviews aus dem Jahr 2006 auf die Frage nach dem Sinn des Films. Anfang dieses Jahres verstarb Bidgood 88-jährig in New York an einer Covid-19-Infektion.

Schwuler Shakespeare

Mit Bidgoods warmem Traum setzt das Kino der Reitschule die Stimmung für den «Hot Boy Summer». Weiter geht es Ende August, etwa mit dem Kunstfilm «The Angelic Conversation» des Briten Derek Jarman aus dem Jahr 1985. Während surreale Bild- und Tonsequenzen über die Leinwand flattern, liest Schauspielerin Judi Dench aus Sonetten Shakespeares, die unterschwellig homosexuelles Begehren transportieren. Der lyrisch-intime Film entstand vorwiegend auf der östlich von London gelegenen Marschlandinsel Isle of Grain, an der Mündung der Themse, und ist eine sinnliche Meditation über Leben, Tod, Eros, Vergänglichkeit und Schönheit. Wie gemacht fürs spätsommerliche Kino unter einem pinken Mond.

Innenhof der Reitschule Bern
«Pink Narcissus»: 
Mi., 6.7., 21.30 Uhr
Reihe «Hot Boy Summer» bis 31.8.
www.kino.reitschule.ch

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