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Bruno Dössekker im Film Collas. © Filmcoopi, Zürich
Kino Rex, Bern

Leben nach einem Skandal

Regisseur Rolando Colla präsentiert mit «W. – Was von der Lüge bleibt» einen aufwühlenden Dokumentarfilm über Binjamin Wilkomirski, der über seine Kindheit während der Shoah geschrieben hatte und als Lügner entlarvt worden war.

Die einzigartige Biografie Binjamin Wilkomirskis wird von der Öffentlichkeit erstmals 1995 wahrgenommen. Nachdem er sich mit seinem Roman «Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939–1948» zum jüngsten Holo­caust-Überlebenden macht, tritt er fortan als Zeitzeuge und Shoah-Experte auf. Drei Jahre später folgt der grosse Knall: Der jüdische Journalist Daniel Ganzfried deckt die Lebenslüge auf. Binjamin Wilkomirski wurde als
Bruno Grosjean in Biel geboren und als Dreijähriger vom Zürcher Ärzte­-Ehepaar Dössekker adoptiert. Er wurde nicht als Jude verfolgt. Zwanzig Jahre nach dem Publikwerden des Skandals sehen wir in «W. – Was von der Lüge bleibt» einen Mann, der nirgends mehr hinpasst.

Was bleibt?

Karola Fliegner, langjährige Freundin Dössekkers und selbst Holo­caust-Überlebende, mag keine Worte der Verurteilung finden. Bruno habe ihr zugehört, sagt sie in die Kamera, das sei selten. Stundenlang erzählte sie ihm von ihren Erlebnissen in Polen. Vermutlich sind genau diese Beschriebe in «Bruchstücke» eingeflossen. Gezeigt werden auch Aufnahmen des Therapeuten, nach dessen zweifelhafter Therapie Dössekker glaubte, verlorene Kindheitserinnerungen wiedergefunden zu haben. 

Nach und nach rollt Rolando Colla anhand früherer Filmaufnahmen, Recherchen und Interviews mit Angehörigen und dem Protagonisten selbst eine Lebensgeschichte auf, die von inneren Zwängen geprägt ist. Manchmal weiss Dössekker nicht, wie er über seine schmerzhaften Erinnerungen sprechen soll, dann kommen die eindrücklichen Schwarz-Weiss-Illustrationen des Comiczeichners Thomas Ott zum Einsatz. Bruno Dössekker wird als Mensch gezeigt, der verbissen eine Vergangenheit suchte und sich dann darin verlor. Zurück bleibt ein gebrechlicher älterer Mann, der zu Shabbat eine Kerze anzündet und trotzdem zum ersten Mal zugibt, «Bruchstücke» sei keine Autobiografie.

Geduld und Offenheit

Während sieben Jahren besuchte Regisseur Rolando Colla Bruno Dössekker. Anfangs distanziert, öffnete dieser sich Colla gegenüber zusehends. Warum? Colla interessiert der Mensch und seine persönliche Geschichte mehr denn eine Verurteilung seines Handelns. Zudem stellt Colla neben der Frage nach der Lüge auch die Frage, wie sie nach 1995 aufrecht­erhalten werden konnte, und bezieht damit die Rolle der Öffentlichkeit mit ein. Der Öffentlichkeit nämlich, die genau solche Geschichten und Skandale lesen will. 

Kino Rex, Bern
www.rexbern.ch/rexhome-streaming-fuer-zuhause 

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