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Der Morgenappell in der Schule ist von mitlitärischer Disziplin geprägt.© Frenetic Films

Kunstvoll und erschütternd

Ein Leben entlang des Grenzzauns. Ein Dasein zwischen Freundschaft und Feindschaft, Angst und Hoffnung. Der Film «Nachbar» des in Bern lebenden Regisseurs Mano Khalil bewegt sich im Dazwischen. An den Solothurner Filmtagen ist er nominiert für den Prix de Soleure.

 

Oft sind die Grenzen zwischen Freundschaft und Feindschaft oder Angst und Hoffnung nicht fix, sondern fluide. Auch sichtbarere Grenzen wie solche zwischen zwei Nationalstaaten, etwa ein Stacheldraht mit bewaffneten Soldaten zwischen der Türkei und Syrien, können im Alltag mal stärker, mal weniger stark sichtbar sein, mal durchlässiger, mal starrer. Der Spielfilm «Nachbar» des in Bern leben­den Regisseurs Mano Khalil («Die Schwalbe», 2016), erzählt vom kurdischen Jungen Sero, der in der Grenz­region Syriens zur Türkei lebt und zeigt, wie Freundschaften Grenzen durchlässig machen können.

«Unser Dorf war die ganze Welt»

Den Rahmen der Erzählung bildet ein Flüchtlingslager, in dem der Erwachsene Sero zusammen mit seinem Vater und seinen Kindern wohnt. Aus dem Off beginnt er sich mit den Worten «Damals war unser Dorf die ganze Welt für mich» zu erinnern. Damit wechselt der Film die Zeitebene und folgt fortan als Rückblende dem Alltag des 6-Jährigen, der gerade mit der Schule beginnt. Gemeinsam mit den anderen Kindern lernt Sero hier Narrative, die Hass und Gewalt gegenüber dem Feindbild des Lehrers, den Juden, schüren. Sero, der seine jüdischen Nachbarn aber sehr mag, kämpft mit diesen neuen Erwartungen an ihn.

Kunstvoll und politisch

Es sind zahlreiche kleine und alltägliche Momente, die Khalil einfängt und die den Film so stark werden lassen. Sero, der am Sabbat bei den jüdischen Nachbarn die Petroleumlampen anzündet. Oder Sero, der von der jüdischen Nachbarin keinen Kuchen mehr essen will, weil der Lehrer erzählte, er werde aus Kinderblut gebacken.

Streckenweise fast poetisch schafft Khalil eine kunstvolle filmische Auseinandersetzung mit dem politisierten Thema der Konfliktregion Rojava zwischen Syrien und der Türkei. Und zeigt, wie Grenzen und der Konflikt zwischen Bevölkerungsgruppen sich im Alltäglichen manifestieren. Parallel dazu gibt er Nachbarschaft eine neue Bedeutung: diejenige von Freundschaft und Hoffnung.

Einbrechen und Ausbrechen

In der Sektion Kurzfilme ist mit «Unleash» von Sean Wirz ein weiterer Berner Beitrag zu sehen. Einer, der thematisch gut zur derzeitigen Situation passt: Viele fühlen sich aktuell wohl eingeengt in den eigenen vier Wänden. Wie ein Ausbrechen aussehen könnte, das zeigen im experimentellen Kurzfilm fünf Fremde, wortlos, angetrieben von treibenden Beats und dem Drang, mit Konventionen zu brechen. In einbrecherischer Manier dringen sie in ein verlassenes Haus ein. Anstatt Schmuck und wertvolle Goldstiche zu stehlen, nimmt die Handlung eine unerwartete Wendung: Die Einbrechenden werden in den Sog ihres eigenen Verlangens gezogen, essen hartgekochte Eier mit Zahnpasta oder zerschlagen Porzellan mit dem Golfschläger.

56. Solothurner Filmtage: Home-Edition. Bis Mi., 27.1.
«Nachbar»: Sa., 23.1., 12 Uhr, «Unleash»: Mi., 20.1., 22 Uhr
Die Filme im Programm bleiben jeweils für 72 Stunden online zugänglich.

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